„Dann laufen wir ohne Kaffee fort!“ erklärte Suse. Inzwischen war Frau Cimhuber wieder langsam zur Küche zurückgegangen, um mit Ursel, ihrer alten Magd und Vertrauten, über die Kinder zu reden. Vor der Tür von Ursels Reich stieß sie einen schmerzlichen Seufzer aus, den die alte Magd sicher gehört hätte, wenn sie nicht gerade dabei gewesen wäre, der alten abgeleierten Kaffeemühle einen Klaps zu geben, damit die paar letzten Bohnen, die widerspenstig über dem Mahlwerk herumhüpften, den schon zerriebenen nachpolterten.

Gleich darauf trat nun die Pfarrfrau dicht vor Ursel, und diese mußte aufsehen. Und in dem Augenblick, in dem sie ihr Haupt hob, konnte man den Schrecken verstehen, den ihr Anblick den Kindern einflößte. Von ihrem dichtvermummten Haupt waren nur eine lange Nase und ein entrüstetes Auge zu sehen, denn alles andere war durch Wolltücher verhüllt, deren Wärme der alten Magd heftige Zahnschmerzen vertreiben sollte.

„Ursel, Ursel,“ sagte Frau Cimhuber, indem sie ihre gefalteten Hände auf ihre schwarze Schürze sinken ließ. „Die Kinder sind schon wach. Sie sitzen schon angezogen in der Stube.“

„Was, schon wach?“ fragte Ursel fast triumphierend, „da haben wir’s! Das hab’ ich ja gleich gesagt. Die beiden bringen alles zuwege. Merkwürdige Kinder sind’s. Solche Kinder hab’ ich hier herum noch gar nicht gesehen. Sehen Sie einmal den Buben an, wie dem die Augen im Kopf herumfahren. Und das Mädchen, das geht ja auf der Straße gar nicht wie andere Leute. Die ist gestern mitten im Weg stehen geblieben und hat die Leute angesehen wie Meerwunder. Und wie ich sie gefragt habe, was sie denn sieht, hat sie gestottert und keine Antwort gegeben. — Die rechten Hinterwäldler. Eine Elektrische haben sie hier zum erstenmal gesehen, ein Auto ist ihnen auch was ganz Neues. — Nur einmal haben sie zwei ganz weit weg im Tal gesehen, hat der Bub gesagt. — Und denken Sie sich an, Frau Pfarrer, gestern fährt da ein Auto an uns vorbei, da fällt das Mädchen gleich auf mich drauf vor Schrecken und jammert: ‚Oh, wie hat der Wagen geschrien, wie eine Kuh! haben Sie nicht gehört, Ursel?‘ Ich habe noch blaue Flecke am Arm. Wie ein Krebs ist’s an mir gehängt.“

„Ja, Ursel, wir müssen Geduld haben,“ fiel Frau Cimhuber ein, „wir müssen Geduld haben. Bedenken Sie doch, die Kinder waren noch nie aus ihrem Gebirgsdorf fort und nun kommen sie zum erstenmal hierher. Recht ist es ja nicht von den Eltern gewesen, daß sie noch nie vorher eine Reise mit ihnen gemacht haben. Eine kleine Reise hätten sie wohl schon machen können. Jetzt ist’s zu spät. Jetzt ist ihnen alles fremd, und alles verwirrt sie. Und dann... und dann... das muß ich ja selbst zugeben, ein bißchen unerzogen sind sie, auch ein klein wenig verwildert. Das sind solche Landkinder immer. Jetzt müssen wir sie eben zu Gehorsam und Pünktlichkeit erziehen, und alles andere wird sich finden.“

„Gewiß, Frau Pfarrer, aber wir werden uns noch verwundern,“ meinte Ursel. „Ich hab’ ja immer gesagt, lassen Sie es sein, nehmen Sie keine Kinder, wir sind zu alt dazu.“

„Ja, aber Edwin wollte es doch. Sie wissen es doch auch, Ursel. Er hat immer gesagt: nimm dir ein paar Kinder ins Haus, Mutter, damit du Zerstreuung hast und nicht auf traurige Gedanken kommst. Mit Kindern bleibt man jung. Erst in seinem letzten Brief hat er mir wieder davon geschrieben. Und wie da bei mir angefragt wurde, ob ich die beiden Kinder von dem Doktor aus Schwarzenbrunn nehmen wollte, da hab’ ich ja gesagt. Denn es ist mir vorgekommen wie ein Wink des Himmels.“

„Na, wir wollen sehen, wie noch alles wird,“ meinte Ursel. „An viel Gutes glaub’ ich nicht.“

Inzwischen warteten die Kinder sehnsüchtig auf den Kaffee, und als er nach einer halben Stunde immer noch nicht da war, konnten sie ihre Unruhe nicht mehr bemeistern. Suse schnallte ihren Ranzen auf, ging unruhig im Zimmer hin und her und blieb schließlich an der Tür stehen, die Klinke in der Hand.