Zwei Stunden mochten seit seinem Weggang verstrichen sein, da klingelte es, und als Ursel die Tür aufmachte, befand sie sich dem Briefträger gegenüber, der einen großen Brief in der Hand hielt. „Von der Direktion des Zoologischen Gartens,“ murmelte sie erschreckt. — „Also doch, es kommt!“
Und mit diesen Worten trug sie den Brief zu ihrer Herrin in die Negerstube.
„Lesen Sie, lesen Sie,“ sagte sie bestürzt, „ich will nicht hören, was in dem Unglücksbrief steht. — Ich bin wie geschlagen. Ich fühle es in allen Gliedern, es kommt.“
So sprechend hielt sie sich die Ohren zu und lief in die Küche, um hier die Tür fest hinter sich abzuschließen.
Hans und Suse, die auf Ursels aufgeregten Ruf von vorhin in die Negerstube geeilt waren, standen mit großen Augen neben Frau Cimhuber und fühlten ihr Herz klopfen. Ihre Pflegemutter setzte die Brille auf, öffnete den Brief mit einem Falzbein und begann langsam zu lesen. Mit einemmal seufzte sie tief, tief aus Herzensgrund.
Gleich darauf hörte Ursel in der Küche einen lauten Schrei der Kinder und schrie aus Entsetzen mit. — Jetzt mußte die Nachricht verlesen worden sein.
Aber was war das? Das waren ja Jubelrufe!
„Das Kamel ist gesund, das gräßliche Kamel ist gesund,“ tönte es draußen, und als Ursel durch eine Türritze spähte, sah sie Hans und Suse wie die verzückten Derwische im Gang auf- und niederwirbeln, laut jubelnd: „Es ist gesund, das schauderhafte Kamel ist gesund.“
Hans schlug einen Purzelbaum mitten im Gang.
Da liefen Ursel die Tränen über die Backen und sie rief, die Küchentür weit öffnend: „Lacht und singt, Kinder, lacht und singt! Heute soll’s nicht darauf ankommen! Fünftausend Mark! Eure Eltern wären bankerott gewesen. — Und was für eine Schande für uns, wenn es hier angekommen wäre. Lacht und singt!“