Doch Hans entgegnete: „Nein, weißt du, Suse, früher hab’ ich Kamele sehr gern gehabt, aber jetzt wird’s mir ganz schlecht, wenn ich nur an eines denke. Noch nicht einmal in Bilderbüchern mag ich sie mehr besehen.“
Doch Hans änderte seine Meinung mit der Zeit, als Onkel Fritz ihn und Suse des öfteren mit in den Zoologischen Garten nahm, und er das Tier in seiner ganzen Harmlosigkeit betrachten konnte. Nur in die Villa Granada ging keines von den Kindern mehr. Auch Onkel Sepp hatte nach dem Vorfall mit dem Kamel seinen Kindern verboten, ihren Besuch dort zu wiederholen. — Wie an fremder Erde gingen sie nun an der Villa der Fremdlinge vorüber. Zuweilen sahen Hans und Suse wohl den Pfau mit seinem prunkenden Gefieder durch die Gitterstäbe leuchten und blieben ein Weilchen stehen, um ihn zu betrachten. Aber zu ihm hinein verlangte es sie nicht mehr. Und so erfuhren sie auch nie, wie sehr sich Onkel Gustav grämte darüber, daß seine Kinder von allen gemieden wurden.
Viertes Kapitel.
Der Missionar
Zwei Jahre waren vergangen, seit Hans und Suse bei Frau Cimhuber, der Pfarrfrau, in dem hohen weißen Haus am Kanal wohnten, und manch inhaltsreicher Brief war in dieser Zeit aus der Stadt nach dem Heimatsort der beiden gewandert. Die Eltern und Freunde der Kinder waren die glücklichen Empfänger dieser abwechslungsvollen Schreiben gewesen.
Da erhielt nun eines Tages Christine, ihre alte Kinderfrau, einen ganz besonders langen Brief Susens. Es traf sich, daß bei seiner Ankunft gerade Rosel, die Magd der Doktorsleute, zugegen war und die las ihn vor.
„Jesus, Maria und Joseph,“ schrie sie mit einemmal und sprang mitten in die Stube. „Hört, Tante, was Suse schreibt: Der Herr Edwin kommt zu Frau Cimhuber auf Besuch; er hat schon eine Leiche vorausgeschickt. Die Leiche ist schon viele tausend Jahre tot. Schon viele Jahre vor Christi Geburt. Sie steht im Gang bei Frau Cimhuber. Sie ist etwas größer als Hans.“
Das war zuviel für Rosel. Sie schleuderte den Brief weit von sich.
„Scht,“ mahnte Christine, „heb den Brief auf. Das geht nicht mit rechten Dingen zu. Das ist nicht geheuer, was Suse schreibt. Wir müssen zur Frau Doktor gehn und ihr den Brief zeigen. Sie weiß Rat.“
Der Brief, der Rosel und Christine in solche Verwirrung versetzte, war von Suse am vergangenen Sonntag in größter Aufregung geschrieben worden; denn vor dem Kirchgang hatte Frau Cimhuber plötzlich zu Hans und ihr gesagt: „Mein Sohn Edwin aus Afrika kommt nach Hause.“ Die Kinder waren zusammengefahren, und Susens Herz hatte laut geklopft.
Herr Edwin kam! Ihr Held, ihr Vorbild! Alles was groß, schön, herrlich, erhaben war, verkörperte sich für sie in seiner Person; denn in den zwei Jahren, die sie bei Frau Cimhuber verbracht, hatte sie soviel Außergewöhnliches von ihm und seinen Taten gehört, daß er ihr wie ein Welt- und Meerwunder vorkam.