Jetzt aber fragte Suse Frau Cimhuber weiter: „Er bleibt doch lange da, der Herr Edwin, nicht wahr, Frau Pfarrer?“

„Ich weiß es nicht, Kind,“ erwiderte jene. „Mein Edwin ist krank. Aber wir pflegen ihn wieder gesund, nicht wahr? Jeden Tag muß er spazieren gehen. Bald bekommt er wieder rote Backen und wird frisch und blühend. Alle seine Leibgerichte bekommt er.“

„Ißt er auch Kalbshaxen und Knödel gern?“ fiel Hans schüchtern ein.

Hier war es nun an Suse, die Brauen zu runzeln und hernach ungehalten zu ihm zu sagen: „Sie hat natürlich gemerkt, daß nur du die Kalbshaxen wolltest. Du brauchtest sie doch an einem solch schönen Tag durch deine Gefräßigkeit nicht zu kränken. Toni hat auch gesagt: ‚Das ist ein Markstein in Frau Cimhubers Leben.‘“ —

Inwiefern man an einem Markstein in seinem Leben nicht an Kalbshaxen mit Knödeln erinnert werden dürfe, war Hans schleierhaft, und er sah Suse deshalb wie versteinert an, um hernach zu erklären: „Aber so was Dummes, aber so was Dummes, Suse! Seit der Herr Missionar kommt, meint man grad, du bist närrisch. Wie verdreht bist du. Immer piepst du so und gehst wie auf Eiern und tust so fein, grad als wärst du die Kaiserin. Ich kann es bald nicht mehr mit ansehen. Theobald hat auch gesagt, wenn du so fortmachst, wirst du eine auf Draht gefädelte Zierpuppe.“

Um vier Uhr wurde der Missionar erwartet. Kurz nach eins lagen auf der Pfarrfrau Bett schon der schwarze Hut, ihr Schleier und die Handschuhe bereit, die sie anziehen wollte, um ihrem Sohn zum Bahnhof entgegen zu gehen. Je weiter die Stunde vorschritt, je unruhiger wurde sie. Ursel fürchtete schon, sie würde krank werden.

Auch die Doktorskinder waren in großer Aufregung. Nach Schulschluß eilten sie zum Bahnhof, wo Toni und Theobald sich bereits eine Nische neben dem Hauptportal ausgesucht hatten; und hier erwartete die ganze Gesellschaft nun Mutter und Sohn.

Sie mußten sich eine gute Weile gedulden. Ein Schwarm junger Mädchen kam durch das Portal, ein Herr, der seine Zigarre wegwarf, ein paar schwatzende Frauen. — Frau Cimhuber mit ihrem Sohn kam immer noch nicht.

„Da sind sie,“ flüsterte plötzlich eins der Kinder. — Suse fühlte, wie ihr Herz still stand.

Die Pfarrfrau kam daher und an ihrer Seite — er... er... nein, das konnte doch nicht er sein, nicht Herr Edwin. — Wie den Engel Gabriel hatte sie sich ihn vorgestellt. Und nun ging dort ein gebrechlicher, kranker Mann. —