Sie waren jetzt ganz mit ihm in Afrika. — Es war Nachmittag. Sie fühlten die heiße Tropensonne, die auf sie herunterglühte, sie gingen durch hohen, gelben Sand, der ihnen stechend wie Nadeln durch die Kleider drang, sie sahen die Blätter der Palmen, die am Wege in der Glut der Sonne welkend herabhingen. Sie litten in der erstickenden Schwüle brennenden Durst. Sie fühlten, wie sie gleich Herrn Edwin von Fieberschauern geschüttelt wurden und vor Müdigkeit kaum mehr vorwärts schreiten konnten. — Aber sie mußten weiter, sie mußten vorwärts, denn vor dem nächsten Dorf am Wege lag ein Sklave — man hatte es ihnen gesagt — der vom Innern aus den Bergen mit einer Last gekommen war, und dem durch einen Unfall beide Beine zerschmettert worden waren. Voll rohen Sinnes hatten ihn seine Begleiter am Wege liegen lassen, unbekümmert darum, ob er in der Hitze sterbe oder nicht. — Nur ein Fetischpriester hatte ihm ein Amulett aus Leopardenhaar und Katzenwirbelknochen verkauft, das sollte ihn wieder gesund machen.
Der Missionar und Hans und Suse erreichten den armen Menschen und sahen ihn vor sich liegen, ein Bild des Jammers. Herr Edwin verband ihn unter ihren Augen, und ihr Herz war von Dankbarkeit gegen den Helfer erfüllt.
Je mehr der Herr Missionar erzählte, um so mehr empfand Suse einen schweren Druck auf ihrer Brust. Es waren ihre Pläne über Afrika, die sie quälten und bedrückten. Sie sah sich wieder dort mit ihrem Hofstaat von Affen und Papageien in einem Schloß wohnend, das viel schöner war als das der „Fremdlinge“, umgeben von Sklaven und gefeiert wie eine Königin. — Und daneben erblickte sie Herrn Edwin, der ein so hartes, ein so einsames und entbehrungsreiches Leben führte, ohne Lohn, ohne Dank, nur von dem Glauben beseelt, daß er Gutes tue Gott zur Ehre.
Vor Beschämung wagte Suse nicht mehr aufzusehen. Und schließlich, in einer Pause, da hielt sie’s nicht mehr aus und sagte: „Ich hab’ mir auch vorgenommen, ich wollte Missionarin werden, Herr Edwin!“
Frau Cimhuber und Ursel fuhren zusammen. Suse saß da wie vor ihrem Todesurteil.
Aber der Herr Missionar sagte ruhig: „Warum solltest du das nicht werden, Kind?“
Suse glaubte ihren Ohren nicht zu trauen. — Was hatte er gesagt? Sie durfte auch Missionarin werden, sie?
„Das darf ich auch werden?“ fragte sie glückselig. „Gerade so wie Sie, Herr Missionar?“
„Ja,“ sagte er.