Sein Lehrer war der Tumult selbst. Sobald sich die Tür der Negerstube hinter ihm geschlossen hatte, traf er umständliche Vorbereitungen zur Stunde. Er band seinen Schlips und Kragen ab, warf sie auf den nächsten besten Stuhl und reckte seinen Hals einige Male befreit in die Höhe. Dann klopfte er mit dem Geigenstock auf den Tisch zum Zeichen, daß der Unterricht beginne. Hans kletterte herzklopfend auf ein noch von Edwin Cimhuber stammendes Pult und stimmte mit Herrn Schnurr seine Geige. Das Spiel begann. Wehe, wenn die Töne falsch herauskamen oder der kleine Junge nicht im Takt spielte! Dann wurde Herr Schnurr zum wilden Löwen. Er stampfte mit dem Fuße auf, er rüttelte an den Stühlen, er sprang im Zimmer umher und fuhr sich in die Haare. Hans zitterte. Der Lehrer drückte seine Geige fester unter das Kinn, zählte laut eins, zwei, drei, sang a, a, a, wand sich in ohrwurmartigen Windungen immer höher, immer höher, bis er auf den Zehenspitzen stand wie eine Tänzerin und mit schmerzlich verzogenem Gesicht in dieser Stellung verharrte.
„Halt, halt,“ schrie er plötzlich und warf die Geige hin, „willst du wohl aufhören, willst du mich ins Irrenhaus bringen!“
Und Hans stand einen Augenblick da mit verglasten Augen und Schweißperlen auf der Stirn.
Dann, als der Geigenlehrer wieder zu sich gekommen war, ging der Tanz aufs neue los.
Im Zimmer nebenan saß Suse und konnte ihr Lachen nicht bändigen. Von Zeit zu Zeit spähte Ursel mit argwöhnischer Miene zur Tür der Negerstube herein, als fürchte sie, der Geigenlehrer prügele die Negerprunkstücke von den Wänden herab oder trommele auf den Polstermöbeln herum, anstatt zu geigen.
Frau Cimhuber aber ging jedesmal spazieren, wenn Herr Schnurr kam.
Einmal trat Ursel bei Suse ein, und als sie das kleine Mädchen lachend vorfand, wollte sie zornig werden. Aber Suse umarmte sie und rief: „Ich kann nicht mehr. So was Schönes hab’ ich noch nie gehört.“
„Laß die Albernheiten,“ meinte Ursel streng.
Aber als sie aus dem Zimmer ging, merkte Suse doch an dem Wackeln ihrer Schultern, wie sehr sie lachte. Also war selbst Ursel für die Geigenstunde gewonnen. —
Nun mußte nur noch für Suse Rat geschaffen werden. Das Doktorskind wollte gern, daß die alte Magd ihr für eine Einladung, die nächste Woche stattfinden sollte, zwei Napfkuchen backe. Ursel aber wollte von einer solch üppigen Tafelei nichts wissen.