Zu ihrem größten Erstaunen bemerkte nun Suse, wie Karla betrübt und enttäuscht drein sah, als sie mit der Einladung übersehen worden war, und nach Schulschluß, als Suse die Treppe hinunterging, kam sie sogar hinter ihr her und steckte ihren Arm unter den des Doktorskindes und fragte in ihrer liebenswürdigen Weise: „Weshalb lädst du mich nicht auch ein, Suse? Ich möchte doch so gerne zu dir kommen. Sicher wird es sehr fein bei dir.“
Susens Herz klopfte laut. Sie konnte vor freudiger Erregung zuerst kein Wort herausbringen. Das schönste und begabteste Mädchen der Klasse bemühte sich um sie. Andere warben um Karlas Gunst, und sie trug ihr die Freundschaft selbst an.
Arm in Arm trat sie jetzt mit ihrer neuen Freundin durch das Tor hinaus auf die Straße. — Noch immer vermochte sie kaum zu reden. —
Jenseits, auf dem Steig der Fußgänger, hatte wohl schon eine halbe Stunde lang ein altes Mütterchen gestanden, die Augen sehnsüchtig auf das Tor ihr gegenüber geheftet. — Sie war in die Tracht der alten Frauen vom Lande gekleidet und trug am Arm einen Henkelkorb mit einem weißen Tuch bedeckt und in der Hand einen dicken Schirm. Als die ersten kleinen Mädchen aus der Tür traten, leuchtete ihr Gesicht hell auf. Man sah’s ihr an, sie hatte auf eins von ihnen gewartet. — Zufällig flogen Susens Blicke zu ihr hinüber und sie fuhr zusammen. — Das war ja — das war Christine! Wie kam sie hierher? War ihr wirklich kein Weg zu weit gewesen, keine Reise zu mühselig, um die geliebten Kinder aufzusuchen? Sie wartete auf Suse. Man sah’s ihr an. Sie wollte auf sie zukommen. Aber weshalb lief Suse jetzt nicht zu ihr hin und umarmte sie und zeigte ihr Entzücken? Weshalb wendete sie sich krampfhaft auf die andere Seite? —
Sah denn Christine wirklich so komisch und armselig aus mit ihrem Kapothut, der ihr wie ein kleiner Kobold auf dem Kopfwirbel saß und seine Bänder flattern ließ, mit ihrem Rock, der viel zu kurz war, so daß man ihre mageren Beine mit den grauen Strümpfen und die bunten Pantoffeln sehen konnte? Mußte man sich ihrer wirklich schämen?
Schämen gerade nicht. — Aber die feine, stolze Karla! Was würde die darüber denken? Suse ging weiter, ohne Christine zu grüßen.
Eine Weile stand die alte Frau erschrocken da und blickte Suse nach. Das kleine Mädchen mußte sie erkannt haben. — Deutlich hatte sie ihren Blick gefühlt. Doch warum hatte sie sich abgewandt und war nicht jubelnd auf sie zugekommen wie sonst wohl? Langsam, langsam wurde es da der alten Frau klar, daß sich Suse ihrer schäme und sie nicht kennen wolle. Noch einen langen, sehnsüchtigen Blick schickte sie hinter dem jungen Mädchen her, dann wandte sie sich traurig um und ging mit gesenktem Kopf die Straße hinunter. Ihr war es, als habe sie ihr Herz verloren. Sie kam sich so ausgestoßen und fremd vor, hier in dieser großen Stadt, wie in einer Wildnis. Suse hätte doch fühlen müssen, wie einsam sie hier war und hätte zu ihr kommen müssen. Aber sie hatte es nicht getan.
Die alte Frau wanderte nun ratlos hin und her durch mancherlei Gassen und Straßen, ohne zu wissen wohin. Schließlich brachte ihr Weg sie in die Anlagen der Stadt, wo frischer Rasen grünte, hohe Bäume wuchsen und hier und da vor blühenden Sträuchern Bänke standen. Auf einer davon ließ sich Christine müde nieder. Sie sah noch immer erschrocken drein. Aber kein bitterer Gedanke gegen das kleine Mädchen bewegte ihr Herz. —