Suse hatte ja recht, daß sie so vornehm tat. — Suse war ja ein so großes, kluges Mädchen geworden und hatte so viel gesehen und so viel gelernt in dieser herrlichen Stadt. —
Und Christine war die arme, alte, unwissende Frau geblieben, mit der man keinen Staat machen konnte. Längst vergangen waren ja die Zeiten, in denen Suse ein kleines unschuldiges Kind war, das Christine über alles liebte. Aber die alte Frau murrte nicht, sie wußte wohl, alles Schöne und alles Gute hatte der liebe Gott ihr nur für eine bestimmte Zeit gegeben, um es ihr dann wieder zu nehmen. So war es sein Ratschluß.
Lange Zeit saß Christine, in diesen Gedanken versunken, auf der Bank und konnte noch immer keinen Entschluß fassen, wohin sich wenden. Zu Frau Cimhuber wollte sie nicht gehen. — Sie fürchtete, auch dort nicht willkommen zu sein. — Und dann hatte sie noch einen andern Besuch vor, den wichtigsten und schwersten, der ihr Geheimnis war, von dem selbst die Doktorskinder nichts wissen sollten. — Den wagte sie nun nicht mehr auszuführen. —
Wenn Suse schon so ablehnend zu ihr tat, was konnte sie erst von jenen fremden Leuten erwarten, denen der Besuch gelten sollte?
Mitten in diesen Betrachtungen fuhr sie zusammen. Ein Windstoß hatte das weiße Tuch, das über ihren Korb gebreitet war, aufgehoben und trieb es in die Sträucher hinter ihr. Ein Heidelbeerkuchen, den sie den Kindern mitgebracht hatte, wurde im Korbe sichtbar.
Die alte Frau erhob sich umständlich, legte ihren Schirm vorsichtig neben sich und sah sich nach ihrem Tuche um. In diesem Augenblick ertönte ein Jubelschrei, und von dem Wege her, der in einiger Entfernung von der Bank vorüberführte, kamen zwei Knaben auf sie zugerannt. Es waren Hans und Theobald. Zufällig hatten die beiden Vettern ihren Heimweg aus der Schule durch die Anlagen genommen und trafen jetzt unerwartet auf Christine. Beide gerieten in große Freude. Hans sagte in einemfort, Christines Hand drückend: „Wo kommst du her, wo kommst du her? Oh, wenn Suse wüßte, daß ich dich zuerst getroffen habe, wie würde die sich ärgern!“
Theobald aber schlang seinen Arm um das alte Mütterchen und deklamierte in seiner närrischen Art: „Habe ich dich endlich wieder gefunden? Ruhe an meinem Herzen, mein süßer Schatz.
Zu jener Zeit, wie liebt ich dich, mein Leben...