Was war inzwischen aus Suse geworden? — An der Seite der schwarzen Karla war sie in entgegengesetzter Richtung davongegangen wie Christine, beherrscht von dem Gefühl des Triumphes, den sie errungen hatte. — Wie in einem Taumel war sie zuerst befangen. Sie war die Königin der Klasse geworden, umworben von dem einflußreichsten Mädchen unter ihren Mitschülerinnen. Und an ihrer Seite redete jenes schöne Mädchen nun lauter angenehme Dinge, die ihr kleines, eitles Herz erfreuten. — Sie beide gehörten zusammen, meinte Karla. Sie seien ja die begabtesten Kinder der Klasse. Suse müsse sie recht oft besuchen, ihre Eltern hätten schon häufig darum gebeten. Was für schöne Stunden würden sie gemeinsam verbringen!
Doch je weiter sie sich von der Schule entfernten, je weniger achtete das Doktorskind auf der Freundin schmeichlerische Reden. Scheu blickte sie sich einmal um und sah Christine ganz in der Ferne davongehen. —
Da wurde des kleinen Mädchens Gang zögernder, ihre Antworten unsicherer, ihr ganzes Wesen unruhig. Sie zog ihren Arm unter dem ihrer Freundin hervor und blieb unschlüssig stehen.
„Was hast du, Suse?“ fragte ihre Freundin.
Das Doktorskind antwortete nicht und ging langsam mit ihr weiter. — Sie sah jetzt immer Christines erschreckte Augen hilflos auf sich gerichtet, und langsam wurde ihr klar, was sie eigentlich getan hatte. Mit verstörtem Gesicht sah sie sich abermals um. Da sah sie ihre Freundin Gretel, die sich in der Schule etwas verspätet hatte, des Weges kommen.
Und das kleine Mädchen erzählte ganz aufgeregt von einem armseligen, altmodisch gekleideten Mütterchen, das vor der Schule gestanden sei und so verirrt und traurig ausgesehen habe, daß es sie gedauert habe.
„Sicher ist sie vom Lande,“ meinte Gretel, „und wußte nicht wohin. Ach, wie tat sie mir leid. Sie sah so ängstlich um sich. Am liebsten hätte ich sie mitgenommen.“
Schon gleich bei den ersten Worten ihrer Freundin war Suse zusammengefahren.
Nun gab es kein Halten mehr für sie.
„Das war Christine,“ rief sie, „Christine, von der ich dir schon so viel erzählt habe, Gretel. Aus meinem Heimatsort. Hansens und meine alte Kinderfrau. Sie ist gekommen und will uns besuchen, Hans und mich. Sie hat uns so lieb und ist so gut zu uns, und ich hab’ sie verleugnet. Ach, wenn sie jetzt fort ist, ist alles aus.“