Und vor den erstaunten Augen ihrer Freundin riß sie sich los und flog davon zur Schule zurück. Aber als sie dort ankam, war weit und breit niemand mehr zu sehen. Da irrte sie weiter durch die Straßen und Gassen, in denen sich die heiße Glut des Mittags fing, und suchte nach der alten Frau. Umsonst. Auch im Hause von Frau Cimhuber, wo sie nach ihr forschte, war sie nicht gesehen worden. So bestand denn nur noch die Möglichkeit, daß sie mit dem nächsten Zug in die Heimat gefahren sei. Aber auch vom Bahnhof mußte Suse unverrichteter Sache wieder umkehren. Erschöpft kam sie daheim an. Ein freundlicher Empfang ward ihr hier nicht zuteil. Denn als sie ängstlich durch die Küchentür spähte, sah sie von Ursels Scheuerwasser Spritzer und Strahlen aufsteigen, wie von spielenden Delphinen, und ihr entgegen klang es zornig: „Zweimal ist schon nach dir gefragt worden. Christine und Hans sind bei deiner Tante Hedi und essen zu Mittag. Jeder ist schon in Angst um dich. Frau Cimhuber hat schon ihre Migräne.“
Da machte Suse, so schnell sie konnte, die Tür hinter sich zu und lief in ihr Zimmer. Dort schloß sie sich ein und weinte. Christine war da, Christine war gefunden. Kein Mensch hatte ihr ein Leid zufügen dürfen. Kein Weg hatte sie irre geleitet. Sie war in Gottes Hand gewesen.
Noch saß Suse stumm da, die Hände wie im Gebet gefaltet, da hörte sie Besuch kommen. Sie horchte hin und hörte Hans reden und noch eine andere liebe Stimme. — Christine war gekommen. —
Im nächsten Augenblick rüttelte Hans auch schon an ihrer Tür und rief: „Mach auf, mach auf, wir sind draußen.“
Und als sie öffnete, stürmte er über die Schwelle, Christine mit sich ziehend, und rief mit blitzenden Augen: „Hier, hier, sieh, wen ich hier habe, ich habe sie gefunden. — Was sagst du nun, was sagst du nun?“
„Was ich sage,“ tönte da ungefragt eine Stimme aus der Küche, wo Ursel herumwirtschaftete. — „Was ich sage, in einer Minute kommt Herr Schnurr. — Kein Pult ist zurecht gerückt, kein Geigenkasten steht am Platz, kein Bogen ist eingerieben! Soll ich’s vielleicht besorgen?“
Diese Nachfrage fuhr Hans derartig in die Glieder, daß er auf der Stelle zurückflog, in die Negerstube eilte, dort rückte und schob und in den Gang zurückkehrte, wo er sich bürstete und glättete, und gleich darauf mit höflicher Miene den Lehrer empfing.
Christine aber stand auf der Türschwelle mit ihrem Korb und Schirm in der Hand und wagte nicht einzutreten.
„Christine komm, Christine komm,“ sagte Suse und zog sie an der Hand herein.
Und mitten in der Stube blieb sie plötzlich stehen, drückte beide Handrücken vor die Augen, wie sie oft als Kind getan, und begann bitterlich zu weinen. Da nahm die alte Frau ihr die Hände vom Gesicht weg, zog sie fest an ihre Brust und hielt sie dort verborgen.