„Weine nur nicht,“ tröstete sie, „der liebe Herrgott weiß alles, und er macht alles, alles gut. Sei still Suse. Sei jetzt nur ganz still, Kind. — Ich habe euch auch Heidelbeerkuchen mitgebracht. — Sieh her! Es sind nicht mehr viele Beeren darauf, du weißt ja, ich kann nicht mehr so weit gehen und sie suchen. Ich bin eine alte Frau. — Ganz nahe am Fuchskopf, wo ich sie sonst immer geholt habe, finde ich jetzt keine mehr. Die Kinder holen sie alle weg. — Aber er hat euch ja immer am besten geschmeckt, der Heidelbeerkuchen. — Glaubst du, du magst ihn noch? — Er ist ja sicher nicht so gut wie der, den ihr in der Stadt bekommt. — Und ihr scheut mich doch nicht, weil ich eine arme alte Frau bin?“

Und Christine hob vorsichtig den Kuchen heraus, der auf einem Teller im Korb stand, und stellte ihn auf den Tisch. Und Suse schnitt sich ein Stück ab und fing an zu essen, obwohl der Kuchen und die Tränen sie am Schlucken hinderten.

„Gelt, Christine, du denkst jetzt nicht mehr gut von mir?“ fragte sie, nachdem sie sich ausgeweint hatte. „Es liegt dir jetzt nichts mehr an mir. Und du frägst auch nichts mehr nach der Stadt?“

„Aber freilich, Suse. Ich will doch die schöne Stadt sehen, von der du mir immer so viel erzählt hast. Ich bin ja nur einmal in meinem Leben hierher gekommen, und wenn ich jetzt fortgehe, komm’ ich niemals mehr wieder. Das spür’ ich, ich bin viel zu alt dazu.“

„Wollen wir gleich gehen und alles besehen?“ drängte Suse.

„Nein, nein, wir warten erst, bis Hans mitgehen kann.“

„Gelt, du hast Hans jetzt lieber als mich,“ flüsterte Suse. Christine schüttelte den Kopf. „Nein, nein, ich habe euch alle gleich lieb.“ Und sie wischte Suse mit ihrem Taschentuch das Gesicht ab.

Danach führte das Mädchen die alte Frau durch ihr Zimmer und zeigte ihr die ganze Einrichtung, auch den Schrank mit ihren Heften und Büchern. Mit gefalteten Händen stand die alte Frau davor und richtete ihre Blicke bewundernd auf Suse. — Alle diese Hefte hatte ihr Liebling, die Suse, vollgeschrieben, in all diesen Büchern konnte sie lesen, fremde Sprachen lernte sie sogar. — Was war sie doch für ein bedeutendes Mädchen geworden.

Aber noch heller strahlten Christines Augen, als sie plötzlich ihren Wachsengel im Glaskasten auf der Kommode entdeckte. — Unversehrt stand er dort, heilig gehalten von den Kindern. Wie waren sie doch gut!