Etwas später, als Suse zu Bett gegangen war, da kam ihr wieder die Begegnung von heute morgen ins Gedächtnis zurück, und die Schamröte stieg ihr heiß ins Gesicht.
Sie mußte an die Zeit denken, als Herr Edwin dagewesen war und an ihre Vorsätze von damals, dem Missionar nachzueifern und immer nur Gutes zu tun. — Große Taten wollte sie vollbringen — in fremde Länder wollte sie ziehen und unbekannten Menschen helfen. — Und nun? Ihre alte Christine hatte sie verleugnet, die Frau, die, solange sie lebte, ihr nur Gutes getan hatte! — Wie hatte Herr Edwin doch beim Abschied gesagt: „Bewahret euch euer reines Herz.“ Da begann Suse laut zu schluchzen und schlüpfte unter die Bettdecke. Und bat Gott um Hilfe gegen ihr eitles Herz.
Am folgenden Tage rüstete sich Christine zur Abreise. Ihr Gesicht strahlte wieder in dem lieben, freundlichen Glanze. Der schwere Gang in die Stadt war ihr schließlich doch zum Segen ausgeschlagen. Von all den fremden Menschen, die sie hier kennen gelernt hatte, war ihr nur Gutes widerfahren. Und was das Schönste war, sie hatte ihr Enkelkind wiedergefunden. Es bestand sogar Aussicht, daß sie das kleine Mädchen bald für immer zu sich nehmen konnte. —
Fräulein Hirt hatte ihr Hoffnungen darauf gemacht. Mit mütterlich beschirmendem Blick hatte Suse ihre Versprechungen angehört und war sich fast erwachsen vorgekommen. Wußte sie doch viel mehr als Christine und Hans, nämlich, daß Resi mit Gewalt ihren Eltern genommen werden würde, weil sie so schlecht behandelt wurde.
Aber Christine sollte davon nichts wissen. Sie sollte leichten Herzens in ihre Heimat zurückkehren.
Sechstes Kapitel.
Schluß
Es war im Winter vor Susens vierzehntem Geburtstag. Das Doktorskind war ein großes, schlankes Mädchen geworden, und ihr Haar, das Rosel einst mit soviel Geschick in zwei knochenharte, steif abstehende Zöpfchen verwandelt hatte, hing ihr jetzt als langer, loser Zopf über den Rücken. Heimlich freute sich Suse an dieser leuchtenden Haarpracht, aber im Kreise ihrer Freundinnen hütete sie sich wohl, ihre Eitelkeit durchblicken zu lassen.
Auch Hans war genau wie sie, lang und rank geworden, und seine Jackenärmel waren ihm immer gleich viel zu kurz.
Frau Cimhuber und Ursel waren nun genötigt, zu ihren Pfleglingen aufzublicken, nachdem sie noch vor zwei Jahren so erhaben auf sie herabgesehen hatten.