„Na, das fehlte auch noch, daß ihr nichts lerntet,“ brauste da Ursel auf, „bei dem vielen Schulgeld, das ihr bezahlt, und bei der guten Kost, die ihr hier bekommt, und bei der guten Aufsicht, und bei den Tausenden von Stunden, die ihr schon auf der Schulbank herumgesessen seid. — Das fehlte auch noch, daß ihr da nichts lerntet.“

„Aber, Ursel, es gibt sogar recht viele Kinder, die trotzdem nichts lernen.“

„Was sagst du da?“ rief Ursel empört. „Was sagst du da? Wiederhol’s noch einmal, die lernen nichts, meinst du? Na, da sollte ich der Schuldirektor von euch sein,“ fuhr sie sich auf die Brust schlagend mit rollenden Augen fort. „Da würde ich euch an einem schönen Montag oder Dienstag alle miteinander auf die Straße jagen, und eure Schulsäcke würde ich obendrein hinter euch herwerfen.“

Suse lachte hell und zog sich dann schnell zurück, da die alte Magd Miene machte, einem rachesüchtigen Schuldirektor nachzueifern.

Frau Cimhuber sagte im ganzen wenig zu den Reibereien, die sich nicht selten zwischen der alten Magd und den Kindern abspielten. Sie wußte, sie vergingen schnell wieder, wie sie gekommen waren, und Sonnenschein folgte dem Gewitterregen. Dann kochte Ursel den Kindern ihre Leibgerichte und strich ihnen dicke Schichten Zwetschenmus auf ihr Brot. „Aha, die Zwetschenmushäfen sind geöffnet, es weht ein guter Wind,“ pflegte Suse bei dieser Gelegenheit auszurufen. —

In Ursels Gemüt hatte sich mit der Zeit auch ein heilsamer Umschwung zugunsten des Herrn Schnurr, Hansens Geigenlehrer, fühlbar gemacht.

Erst hatte sie nichts als finstern Haß gegen den fremden Eindringling verspürt, dann war ein gottergebenes Sichfügen in seine Besuche gekommen, hierauf ein vorurteilsloses Betrachten seiner Person, dann Nachsicht für sein Tun, Verständnis für seine Lehrweise, und ganz zuletzt das Keimen freundschaftlicher Gefühle.

Der Grund zu einer wirklichen Freundschaft zwischen ihr und Herrn Schnurr wurde aber gelegt, als dieser gemeinsam mit den Doktorskindern zu ihrem sechzigsten Geburtstag eine kleine Feier veranstaltete.

Am Nachmittag ihres Wiegenfestes, als die alte Magd ihre Arbeit in der Küche vollendet, ihre Werktagsschürze gegen die seidene Sonntagsschürze umgetauscht und ihr Haar noch glätter als sonst gestrichen hatte, wurde sie an Susens Arm in die Negerstube geführt, wo Hans mit seiner Geige wartete und Herr Schnurr mit verstruweltem Haar am Klavier saß, bereit, die Choräle, die er mit Hans zu Ursels Ehre eingeübt hatte, ertönen zu lassen.

Auf dem Tisch, über den ein blendend weißes, mit Tannenzweigen geschmücktes Tischtuch gebreitet war, lagen die Geschenke für die Sechzigjährige ausgebreitet: ein hohes, auf einem Sockel befestigtes Alabasterkreuz von Frau Cimhuber, eine Vase mit Immortellen, Ursels Lieblingsblumen, ein Geschenk von den Doktorskindern, eine schwarze Seidenschürze von der Mutter der beiden und das Bild einer Tänzerin, von Herrn Schnurr gestiftet.