Leider hatte er es mit dem richtigen verwechselt, dem Bilde Melanchtons, das seine Frau daheim los sein wollte.
Geistesabwesend, wie Herr Schnurr war, hatte er das erste beste Paketchen ergriffen und war damit davongegangen. Sein Irrtum störte aber die Feier nicht.
Ursel nahm, die Hände gefaltet, auf einem mit Tannengrün geschmückten Stuhl Platz und erwartete die Huldigungen. Auf ein Zeichen von Herrn Schnurr ergriff Hans die Geige, und unter Violin- und Klavierspiel erklangen die schönsten Choräle: „Wer nur den lieben Gott läßt walten.“ — „Was Gott tut, das ist wohlgetan.“ — „Harre, meine Seele.“ — „Befiehl du deine Wege.“ — Und noch eine Menge andere Lieder.
Eine feierliche, erhebende Stille herrschte in der Negerstube. Ursel saß nickend und mit einem weltentrückten Ausdruck auf ihrem Stuhl, und vor ihrem Geist zogen all die schweren Jahre ihres Lebens vorüber, in denen sie nur Mühe Und Arbeit gehabt und sich zufrieden gefühlt, wenn sie am Sonntag mit einer schwarzen Schürze vor dem Tisch in der Küche hatte sitzen können, das Gesangbuch offen vor sich und in den Liedern Kraft findend. — Die Tränen liefen ihr in den Schoß.
Auf ihren besonderen Wunsch spielten die beiden Musikanten zum Schluß noch ihr Lieblingslied: „Wenn ich einmal soll scheiden.“ — Man hätte meinen können, Ursel selbst werde zu Grabe getragen, so ernst und dumpf klang die Weise. Sogar Suse konnte die Tränen nicht zurückhalten, was Ursel nicht ohne Genugtuung bemerkte. —
Seit jenem Tage nun konnte die alte Magd Herrn Schnurr nicht mehr die Tür öffnen, ohne an ihre schöne Geburtstagsfeier zu denken.
„Ja, damals haben Sie sehr schön gespielt,“ sagte sie öfters zu ihm, und nickte lebhaft, „oh, so schön.“
„Ja, das macht die Kunst,“ erwiderte Herr Schnurr, indem er den Zeigefinger so steil nach oben hob, daß Ursel seiner Richtung folgte.
„Die Kunst, die hebt uns nach oben.“
Ursel nickte beifällig.