Ursel aber, die Herrn Schnurrs Beichte mit angehört hatte, überlegte, ob sie sich nicht augenblicks in die Negerstube zwängen und dem Lehrer eine gesalzene Botschaft an seine pflichtvergessene Gattin daheim mitgeben solle.

„Lieber nicht,“ sagte sie sich aber voll Klugheit.

Indes sein häusliches Elend ließ ihr keine Ruh, und viel, viel später, Anfang des Frühjahrs, da mischte sie sich endlich doch einmal in seine Verhältnisse. Allerdings geschah es auf eine recht barmherzige und christliche Weise.

„Bringen Sie mir mal Ihre Strümpfe mit, Herr Schnurr,“ sagte sie, als sie ihn über sein zerrissenes Zeug klagen hörte. „Ihre Frau stopft sie ja doch nicht. Für mich ist das eine Kleinigkeit, und aus Dankbarkeit tu ich’s gern.“

Suse, die zufällig hinhorchte, war erstaunt. Sie lachte belustigt. Ursel und Herr Schnurr gut Freund! Das war ein Spaß.

Rasch entschloß sie sich, es ihrer Vertrauten, der schwarzen Carla mitzuteilen, die mit der Zeit ihre beste Freundin geworden war. Da die Herzensgenossin, die häufig leidend war, augenblicklich zur Pflege ihrer Gesundheit im Süden weilte, schrieb ihr Suse die längsten Briefe. Carla mußte von all den bunten Ereignissen im Cimhuberschen Haus unterrichtet werden. Leichtsinnig und unüberlegt pflegte Suse drauf los zu plaudern, und genau wie beim Reden, was immer ihr durch den Kopf schoß, sofort auszusprechen. So schrieb sie denn an dem Brief, an dem sie gerade angefangen hatte, weiter.

„Du erkundigst Dich nach Theobald, liebe Karla, er ist lange nicht mehr derselbe gräßliche Geck wie früher, obwohl er noch immer große Volksreden hält. Onkel Fritzens Heirat war sein Glück. Sein Vater meinte es auch. Er findet, Onkel Fritz hat seinem Sohn nur lauter Raupen in den Kopf gesetzt.

Nun frägst Du auch nach Ursel und Herrn Schnurr. Zwischen diesen besteht jetzt eine innige, minnige, sich stets vervollkommnende Freundschaft, ein unaustilgbarer Herzensbund. Nächstens geben sie sich einen Kuß. Wie die Verlobten sind sie. Wie Braut und Bräutigam. Denke Dir, Ursel will sogar dem Herrn Schnurr die Strümpfe stopfen! Jedesmal, wenn er erscheint, lächelt sie ihn an, süß wie ein Honighafen. Und immer horcht sie an der Negerstube, wenn drin seine süße Stimme erschallt, damit sie jedes Wörtlein von ihm aufschnappt.“

Und dieser Brief voll leichtsinniger, loser Redensarten sollte die schlimmsten Folgen haben.