Es fügte sich nämlich, daß Suse während des schriftlichen Ausbruches ihrer buntschillernden Geistesraketen von ihrer Freundin Grete überrascht und zu einem Spaziergang abgeholt wurde.
Kurz entschlossen packte die Schreiberin den unvollendeten Brief nebst ihrem Tagebuch in das Bett, das neben ihrem Tisch stand, da jenes ihr heute als sehr gutes Versteck erschien, alldieweil Hans den Kommodenschlüssel mitgenommen hatte und sie nicht an den eigentlichen Aufbewahrungsort ihrer Schreibsachen — die Kommodenschublade — gelangen konnte.
Frohgemut nahm sie hierauf von Frau Cimhuber und Ursel Abschied und ging von dannen.
„Bleib nicht zu lange,“ rief Ursel ihr nach, „du weißt, wir haben große Wäsche, und du sollst mir helfen.“
„In anderthalb Stunden bin ich wieder da,“ tönte es zurück.
Klar wie der Himmel, der sich hoch über ihr wölbte, war es Suse zu Sinn, und munter schritt sie fürbaß.
Daheim ging inzwischen Ursel ihrer Beschäftigung nach und brummte allerlei mißmutige Worte vor sich hin. Die Arbeit häufte sich für sie. Je weiter die Zeit vorschritt, um so mürrischer wurde sie deshalb.
Sonntag war Susens Geburtstag, den sie eingedenk des eigenen genossenen Festtages recht schön gestaltet wissen wollte. Aber die Vorbereitungen gingen nicht von der Stelle. Die Tannenzweige zum Ausschmücken von Susens Stube lagen noch immer im Gang. — Suse blieb auch lang über die Zeit weg und dachte nicht an ihre Arbeit. Dabei sollte sie im ganzen Haus die Bettbezüge abnehmen, die Kissen mit neuen Leinen bekleiden und die schmutzige Wäsche Ursel an das Waschfaß bringen. — Indessen, das flatterhafte Doktorskind hielt es für besser, im lichten Frühlingswäldchen vor der Stadt spazieren zu gehen.
Als nahezu drei Stunden seit ihrem Fortgang verstrichen waren und noch keine Spur von ihr zu entdecken war, machte sich Ursel selbst an die Arbeit, die sie dem jungen Mädchen zugedacht hatte. Schlürfenden Schrittes ging sie von einem Bett zum andern und nahm die Bezüge ab. So kam sie schließlich auch an Susens Lagerstatt, in der, verhängnisvoll wie ein Geschenk aus der Büchse der Pandora, der leichtsinnige Brief schlummerte. Seufzend trat sie an das Bett. Jetzt breitete sie ihre mageren Arme aus, um das Deckbett zu heben. — Hätte sich in diesem Augenblick die Tür geöffnet und Suse sich gezeigt, so wäre alles noch zu retten gewesen. — Aber die Übeltäterin war ja weit. Zorniger als bei den ersten Betten zog Ursel an Susens Leinenbezug, schleuderte ihn in die Höhe und riß ihn zu sich heran in die Stube. Polternd fiel etwas Schweres hinterher. Ursel bückte sich und hob ein Buch und einen Brief auf.