„Unordnung, Unordnung,“ murmelte sie. „Wozu ist denn die Kommode da? Aber das wird alles hingestopft, wo es gerade hingeht.“
Vielleicht hätte nun die alte Magd den Brief ungelesen zur Seite gelegt, wenn nicht auf dem ersten Blatt, nahe seinem untern Rande ein großer Tintenklecks gewesen wäre, der ihre Blicke auf sich gezogen hätte. Ganz mechanisch griff sie danach und prüfte, ob er auch trocken sei. Und da legte sie ihren Finger mitten auf ihren eigenen Namen. Ursel stand dort, dick und groß geschrieben. — „Ursel.“ — Sie sah näher hin. Ja, es hieß Ursel. Sie hielt den Brief dichter vor ihre Augen. Wahrhaftig, es war ihr Name. Ursel, Ursel stand dort.
Und nun begann sie zu lesen, und ihr Gesicht wurde immer länger. Sie glaubte schließlich, sie sei nicht mehr recht bei Verstand.
„Du erkundigst dich nach Ursel und Herrn Schnurr,“ stand dort. „Zwischen diesen besteht jetzt eine innige, minnige, sich stets vervollkommnende Freundschaft..., ein unaustilgbarer Herzensbund. Nächstens geben sie sich einen Kuß... Wie die Verlobten sind sie, wie Braut und Bräutigam.“ Ursel konnte nicht mehr weiter lesen. Träumte sie denn, ging denn die Welt unter?
Nein, nein, da stand klar und deutlich, „nächstens geben sie sich einen Kuß, wie die Verlobten sind sie. Wenn er erscheint, lächelt sie ihn an, süß wie ein Honighafen.“
Das war zuviel. Stöhnend sank Ursel auf Susens Bett.
Das war die Schändlichkeit in ihrer höchsten Vollendung! Das war der Gipfel der Erbsünde! Das war schlecht, schlecht, erbärmlich! Das war höllisches Gift!
Ursel faßte sich an den Kopf.
In diesem Augenblick klingelte es, und die alte Frau, in dem Wahne, Suse komme, sprang mit Brief und Buch in die Höhe auf den Flur und öffnete die Tür, um die Sünderin zu packen und zu richten.
Der Einlaß Begehrende, der draußen stand, war aber nicht Suse, sondern der unschuldige Knabe Hans, der einen großen Sprung rückwärts tat, als er Ursels zornfunkelndes Gesicht vor sich sah.