„Hans ist krank,“ sagte sie leise.
Kaum hatte der Lehrer das Wort „krank“ vernommen, so bestand er erst recht darauf, seinen Schüler zu sehen und trat, Frau Cimhuber sanft auf die Seite schiebend, in den Gang. Als er an der Küchentür vorüberging, erspähte er Ursel, die dort vor ihrem Brautstaat tränenden Auges stand. Den Finger schalkhaft erhebend, meinte er: „Na, na, Ursel. — Sie werden doch nicht. — Ein schwerer Schritt das Heiraten! Da heißt’s überlegen.“
Hier fielen seine Blicke auf Hans, der wie ein verschämter Bräutigam errötend hinter Ursel stand. Und kurz entschlossen nahm er ihn am Arm und führte ihn mit sich fort.
Nach Herrn Schnurrs wilden Ausrufen und dem Schall seiner Schritte, die aus der Negerstube drangen, konnte man erkennen, wie eifrig er bei der Sache war. —
Der temperamentvolle Lehrer war schon längst wieder von dannen gezogen, da kam endlich die Ausreißerin Suse nach Hause.
Wie ein gezackter Gebirgsstock, über dem ein schwarzes Wetter steht, kam ihr Ursels Gesicht bei der Begrüßung vor. Und in dem Glauben, die Ursache von soviel finsterem Groll zu kennen, begann sie schmeichelnd: „Bitte, bitte, liebe Ursel, entschuldigen Sie, daß ich so lange fort war, seien Sie mir, bitte, nicht böse. Ich werde ihnen jetzt mit neuen Kräften helfen wie eine Scheuerfrau. Es ging einfach nicht, daß ich früher kam. Wir haben eine unserer Lehrerinnen getroffen, die wir so gerne haben, und sie nahm uns mit in den Wald und zeigte uns Plätze, wo schöne Anemonen stehen, herrlich! Ursel, es ist so herrlich, in das Pflanzenleben einzudringen, dies Wachsen und Blühen und Gedeihen. Überhaupt das ganze Pflanzenleben. Wie schön ist doch die Natur!“
Ursel verzog keine Miene.
Suse schwärmte weiter: „Sehen Sie, ich habe Frau Cimhuber einen ganzen Arm voll Blumen mitgebracht. Wie ein Frühlingsgarten wird’s bei uns sein. Ursel, der Vorfrühling ist gekommen. Man spürt’s. Und der Kuckuck ruft. — Und der Waldesduft, und das Moos...“
Ursel blieb stumm wie das Grab. Eine dicke Hornhaut schien sich über ihr Gemüt gelegt zu haben; über die eindruckslos wie Zephyrfächeln über Felsgestein Susens Schmeichelworte hinstrichen.
Da beschloß das Doktorskind, die alte Magd nicht mehr durch Worte, sondern durch Taten zu versöhnen, und sie ging von dannen, um sich eine große Schürze vorzubinden und Arbeit zu suchen.