Zwei Tage war ja keine Schule des Examens wegen. — Seine Brust dehnte sich, und seine Augen leuchteten, und sein Gesicht rötete sich, und mit einemmal stieß er einen solch durchdringenden Jauchzer aus, daß Ursel und Frau Cimhuber in der Küche zusammenflogen.

Schnell erinnerte er sich aber wieder an die unheimlichen Nachtgespenster, die zurzeit im Cimhuberschen Haus umgingen, und er schwieg.

Behutsam holte er seinen Rucksack von der Wand herunter, schnürte ihn auf und packte alle möglichen Dinge ein, die er zur Wanderschaft brauchte: Strümpfe, Wäsche, Nähzeug, auch Brot in einen Beutel und Suppenwürfel. Dann nähte er sich die grüne Schnur, die von seinem Lodenhut abgerissen war, wieder kunstgerecht fest und erzählte Suse dabei allerlei von seinen Wanderplänen. — Die erste Nacht gedachten Theobald, Peter und er in einem größeren Ort, Wildershausen, zu übernachten. — Wie Suse sich vielleicht noch entsinne, meinte der Bruder, habe der Vater diesen Ort in seinem Brief ein- oder zweimal erwähnt, und zwar mit dem Vermerk, Hans solle das Städtchen auf seiner Wanderung doch einmal aufsuchen und ihm dann schreiben, wie es ihm gefallen habe. — Weshalb der Vater das wissen wolle, sei ihm allerdings nicht klar. —

„Ach, könnt’ ich doch nur mit, ach, könnt’ ich doch nur mit,“ seufzte Suse.

„Sei nicht traurig,“ tröstete Hans, „Samstag abend komme ich ganz bestimmt wieder, und wenn Ursel uns nicht haben will, so wird dein Geburtstag eben bei Tante Hedi gefeiert. Ich werde schon dafür sorgen. Das Theaterstück bekommst du auf alle Fälle zu sehen. Es ist, um an den Wänden heraufzukrabbeln vor Lachen. Solche verrückten Dinge, wie drin vorkommen, hast du noch nie gesehen. Die Reden für das Kasperle hat Theobald gedichtet.“

Hier holte Hans seine nägelbeschlagenen Gebirgsschuhe aus dem Schrank hervor und beschloß, sie in die Küche zu tragen und dort einzufetten.

„Heute muß ich acht geben, daß ich keinen einzigen Spritzer Öl vorbeitröpfeln lasse,“ flüsterte er Suse zu, als er zur Türe hinausging, „sonst schlägt mir Ursel die Hasenpfoten um die Ohren, die ich ihr neulich eigenhändig zum Schuheinschmieren gestiftet habe.“

Etwas später suchte Suse Frau Cimhuber auf, um sie zu bitten, doch den dummen Brief zu entschuldigen und ein Wörtlein zu ihren Gunsten bei Ursel einzulegen. Aber die Pfarrfrau sagte streng: „Selbst im Spaß schreibt man keine solch’ dummen Verleumdungen, wie du es getan hast, Suse. Ich verstehe Ursels Empörung vollständig. Wenn sich zwei junge Mädchen weiter nichts zu schreiben haben als Narrheiten wie ihr, dann geben sie das Briefschreiben besser ganz auf.“

„Wir schreiben uns doch auch noch andere Sachen,“ entgegnete Suse kleinlaut.

„Herrliche Naturbeschreibungen stehen manchmal in unseren Briefen, und noch andere, viel, viel ernstere Dinge, von denen ich nicht reden darf, so ernst sind sie. Über manchen Brief von Karla hab’ ich schon geweint. Wir schreiben uns nämlich zurzeit gerade darüber, daß wir uns später einen Beruf erwählen wollen, in dem wir recht viel zum Glück der Menschheit beitragen. Ich habe in diesen Tagen auch schon an Herrn Edwin deshalb geschrieben.“