Nicht wie sonst hatte Ursel sie um sieben geweckt, damit sie zur Kirche gehe. Sie hatte sie schlafen lassen. Kein Laut regte sich im Haus. Totenstill war es, als wären Ursel und Frau Cimhuber gestorben. Auch Hans war nicht gekommen. Suse schlüpfte unter die Decke und machte die Augen zu. Am liebsten wäre sie in einen hundertjährigen Schlaf verfallen. Aber wie das anfangen.

Es blieb ihr nichts anderes übrig als aufzustehen, sich anzuziehen und Frau Cimhuber und Ursel, die aus der Kirche kamen, zu begrüßen und nachzusehen, wie der Wind heute wehe. — Die Geburtstagswünsche fielen mager genug aus. Und als Suse heimlich den Tisch in der Negerstube betrachtete, auf dem sonst die Geschenke ausgebreitet lagen, sah sie, daß er leer war wie eine frischgemähte Wiese. Keine einzige Gabe schmückte ihn. Noch nicht einmal ein Brief aus der Heimat war zu sehen. Wüstenartig öde kam Suse die Welt vor. Auch kein Kuchen war in der Speisekammer zu entdecken, wohin Suse ihre Streifzüge ausdehnte. Und als sie ihre Pflegemutter schüchtern fragte, was aus ihrer Nachmittagseinladung werden solle, wurde ihr der betrübende Bescheid, daß diese unter den obwaltenden Umständen natürlich unterbleiben müsse. So fiel Suse denn die recht beschämende, peinliche Aufgabe zu, ihre sämtlichen Gäste wieder auszuladen.

Auf ihrer Morgenwanderung kam sie auch in das Haus von Onkel Sepp und Tante Hedi und fand hier die ganze Bewohnerschaft in großer Aufregung.

Theobald war genau wie Hans am gestrigen Abend nicht zurückgekehrt, und hatte auch kein Wort der Entschuldigung geschickt. Hingegen war ein Trupp ihm befreundeter Knaben, die auf einer Wanderschaft begriffen waren, aus einer entfernten Stadt eingetroffen, und jetzt wußte kein Mensch, was mit ihnen anfangen. Auch sonst hatte es noch allerlei gegeben, was die Gemüter in Aufruhr versetzte. Am Abend vorher hatte sich Liselotte, Theobalds älteste Schwester, verlobt, eine Gelegenheit, die Christoph und Henner dazu benutzt hatten, sich in ihrem vollsten Glanze zu zeigen.

Bei der Verabschiedung des Bräutigams von der Braut hatten sie durch das Treppenhaus einen bekleisterten Zeitungsausschnitt mit dem Aufruf: „Wasche dein Haupt mit Javol“ auf die Glatze ihres zukünftigen Schwagers fallen gelassen und saßen nun, eine harte Strafe verbüßend, eingesperrt in der Bodenkammer.

Kein Wunder, daß unter diesen Umständen Tante Hedi ihrer jungen Nichte Geburtstag ganz vergaß.

Das Doktorskind mußte darum betrübter, als sie gekommen war, von dannen gehen. Im Vorgarten des Hauses traf sie mit Liselottes Bräutigam, einem sehr feinen Herrn, zusammen, der mit höflicher Verbeugung zu ihr die Worte sprach: „Guten Morgen, gnädiges Fräulein, wie geht es Ihnen?“

Gnädiges Fräulein, wie achtungsvoll, wie angenehm das klang! — Suse richtete sich an dem Gruße auf wie der erschöpfte Wanderer an einem Stab. Nach all den Niederlagen der letzten Tage war ihr diese Erfrischung zu gönnen.

Allein, als sie wieder zu Hause angekommen war, ging ihr Freudefünkchen jäh in der allgemeinen Begräbnisstimmung unter.

Von Hans war noch immer keine Nachricht gekommen. Und Frau Cimhuber und Ursel fingen an, sich zu ängstigen. Wie zwei aufgescheuchte Fledermäuse huschten sie durch das Haus.