Und nach Tisch zog sich jeder in seinen besonderen Unterschlupf zurück, Frau Cimhuber in die Negerstube, Ursel in die Küche, Suse in ihr Zimmer, um die Nachmittagsstunden nach Einsiedlerart, in sich gekehrt, zu verbringen. Aber die Trauergesellschaft hatte die Rechnung ohne den Wirt, in diesem Falle ohne Herrn Schnurr, gemacht.
Mit einemmal trat er lächelnd mit einem Blumenstrauß in der Hand durch die Tür der Negerstube und begehrte, Susens Wiegenfest in der geplanten Weise zu feiern, ohne Auslassung einer einzigen Programmnummer.
Frau Cimhuber und Ursel fuhren zusammen bei seinem Anblick und quälten sich mit dem Gedanken an das Versäumnis, das sie begangen hatten.
Sie hatten ja ganz und gar vergessen, den Lehrer abzubestellen. Sie hatten ihm ja kein einziges Wörtlein von der verhängnisvollen Donnerstagkatastrophe verraten, durch die das Cimhubersche Haus sozusagen auf den Kopf gestellt war. Nichts wußte er. Unschuldig wie ein neugeborenes Kind stand er da. Treuherzig lächelte er Frau Cimhuber und Ursel an. Seine Seele war rein und durchsichtig wie ein Bergkristall. Kein Schatten trübte sie.
Und nun war es zu spät, ihn wegzuschicken. Das sagten sich die zwei Frauen, die ihn genau kannten und wohl wußten, daß er sich nicht mehr verdrängen lasse. Er war ja störrisch wie ein Maultier.
„Wo steckt denn der Hans?“ rief er. „Ich bin doch nicht für die Katz gekommen, wir haben doch nicht wochenlang im Schweiße unseres Angesichts gespielt und gesungen, daß wir uns heute stumm wie die Fische gratulieren.“
„Hans ist auf einer Wanderung,“ stotterte Suse.
„Noch besser,“ sagte Herr Schnurr, „geht der auf eine Wanderung, wenn ich hierher bestellt bin. Das ist so die Art der modernen Kinder. Rücksicht auf Eltern und Erzieher kennen sie nicht.“
„Hans hat Ihnen doch einen Brief geschrieben, eh’ er fortging,“ sagte Suse stotternd. „Ich selbst hab’s gesehen. Haben Sie ihn denn nicht bekommen? Mein Geburtstag darf nämlich nicht gefeiert werden, weil hier allerlei vorgefallen ist.“