„Brief — Brief?“ fragte Herr Schnurr. „Ich hab’ keinen Brief bekommen. Na, ich kann’s mir schon denken, wo der hingekommen ist,“ sagte er mit einemmal. — „Der ist mal wieder bei uns in den Papierkorb gewandert mit den Drucksachen. — Das kommt öfters bei uns vor.“

„Ja, Susens Betragen war sehr ungehörig in den letzten Tagen,“ fiel hier die Pfarrfrau ein, „und deshalb haben wir von einer Feier ihres Geburtstages abgesehen.“

Herr Schnurr setzte sich auf einen Stuhl und erklärte kalt lächelnd, er sei jetzt da, und er bleibe auch da. Und die einstudierten Lieder würden trotz allem gesungen.

„Gelt, Ursel?“ wandte er sich vertrauensvoll an die erschrockene Magd. „Wir zwei singen zusammen. Wir zwei haben uns ja immer gut miteinander vertragen. Wir zwei werden jetzt unser Licht leuchten lassen.“

Ursel fuhr zusammen und wurde blaß bis an die Nasenspitze. Ihr Herz zitterte vor Zorn.

Aber es blieb ihr nichts anderes übrig, als vor der Sünderin Suse zu singen. Wie Knödel steckten ihr die Töne im Hals, aber tapfer sang sie ein Lied nach dem andern, aus lauter Angst vor ihrem Peiniger.

Suse aber fühlte angesichts des fleißigen Vortrags eine tiefe, tiefe Beschämung über sich kommen, so daß ihr die Tränen in die Augen traten.

Dort stand die gute Ursel in ihrem Sonntagsstaat und sang voller Verzweiflung die schönsten Lieder.

Und hier saß sie wie eine Königin und ließ sich feiern und hatte es so wenig verdient.

Schließlich konnte sie nicht mehr zuhören und beschloß heimlich davon zu schleichen und die zwei allein weiter singen zu lassen.