Aber Herr Schnurr hatte erraten, was sie wollte, packte sie am Arm und drückte sie unerbittlich auf ihren Stuhl zurück.
„Innsbruck, ich muß dich lassen,“ klang es begeistert von seinen Lippen in Gemeinschaft mit Ursel.
Dann empfahl er sich.
Ein Alpdruck wich von den drei Frauen. Suse stürzte, einen verwirrten Dank stammelnd, an Ursel vorbei in ihr Zimmer und wollte keinen Menschen mehr sehen.
Allein nur wenige Minuten verstrichen nach Abbruch des Vortrags, dann öffnete sich die Tür ihres Stübchens, und Frau Cimhuber trat ein, um ein Paket auf den Tisch zu legen.
Es sei schon einige Tage da, aber in dem allgemeinen Aufruhr der letzten Woche vergessen worden, sagte sie entschuldigend.
Suse betrachtete das Paket mit freudigem Erröten und entdeckte, daß es von Christine sei. Zärtlich wie einen lieben Bekannten drückte sie das Geschenk an sich. Es war ihr erster Gruß aus der Heimat. Mit aufgeregten Fingern löste sie die Schnur der Schachtel und entnahm ihrem Innern ein buntbesticktes Seidentuch, ein Erbstück von Christines Großmutter, das sie oft bei ihrer alten Kinderfrau bewundert und um ihre Schultern gelegt hatte.
Sie erfreute sich auch heute wieder an dem Glanz der leuchtenden Rosen- und Veilchensträußchen, die in das lila Tuch gestickt waren, und spürte mit Entzücken den Duft getrockneter Kräuter, der aus Christines Kommode kam, wo Steinklee in Büscheln zwischen Hauben, Tüchern und den sonstigen Habseligkeiten der alten Frau lag. Leibhaftig sah Suse Christines friedliches Reich vor Augen, und es wurde ihr ganz sehnsüchtig zu Sinn. Zu unterst in der Schachtel entdeckte sie dann einen Brief, der von Rosel geschrieben, aber von Christine diktiert war.
„Mein liebes, liebes Kind,“ stand darin, „Du weißt, ich kann nicht schreiben. Ich hab’ es in der Schule nicht gelernt. Wir brauchten nicht in die Schule. Rosel schreibt diesen Brief für mich. Und sie soll Dir viel Glück wünschen und Gesundheit und ein langes Leben. Und das Seidentuch in der Lade will ich Dir schenken, weil Du es ja immer so gerne hast leiden mögen. Und ich weiß ja nicht, ob ich noch lange lebe. Und vielleicht, wenn ich einmal gestorben bin, gibt’s Dir keiner.
Und wenn ich auch schreiben gelernt hätte, so könnt’ ich doch jetzt nicht mehr schreiben, liebe Suse, denn ich bin blind geworden, ganz blind. Du kannst es auch Hans sagen. Schon Weihnachten, wie Ihr daheim gewesen seid, und wie Du mir unter dem Tannenbaum so schön vorgelesen hast, unter dem Tannenbaum hab’ ich’s gespürt. Ich kann Euch jetzt nicht mehr sehen, wenn Ihr heimkommt, aber ich kann Euch noch sprechen hören und Eure Hände in meine nehmen. Erst im Himmel, wenn wir wieder alle zusammen kommen, kann ich Euch anschauen und sehen, ob Ihr noch Eure lieben, guten Gesichter behalten habt.