Es ist mir immer schwärzer vor den Augen geworden, und zuletzt habe ich nur noch einen dicken Nebel gesehen, und jetzt ist es ganz dunkel um mich wie in der Nacht. Euer Vater sagt, mir ist nicht mehr zu helfen. Jetzt kann ich die schöne Welt nicht mehr sehen. Siebzig Jahre lang hat unser Herrgott sie mich sehen lassen und hat es immer so gut mit mir gemeint, und jetzt hat er mir die Augen zugemacht, und ich bin blind. Und jetzt sitz’ ich immer draußen in der Sonne auf der Treppe und rieche die Veilchen, die aus der Erde kommen, und höre die Vögel. Und ich weiß doch, wie alles aussieht. Resi führt mich an der Hand durch den Garten und den Weg ins Dorf hinauf, wenn ich zu Euern Eltern gehe. Ich weiß, daß Ihr bald fortziehen werdet, weit, weit fort, und nicht mehr wiederkommt. Eure Mutter hat’s mir gesagt. Ich weiß auch, dann sehen wir uns hier nicht mehr wieder. Ich weiß, daß ich nicht mehr lange leben werde. Der liebe Gott hat mir die Augen zugemacht, das ist ein Zeichen, daß ich zu ihm kommen soll. Aber ich kann ruhig sterben, denn jetzt ist alles gut. Für mein Kind sorgt der Herr Doktor und die Frau Doktor, und ich weiß, daß auch Ihr gut zu ihm sein werdet. Alle Leute hier sind traurig, weil Ihr fort wollt, und sie sagen, so ein guter Doktor kommt nicht wieder...“
Da konnte Suse vor Weinen nicht mehr weiter lesen. Christine war blind geworden, und die Eltern wollten von zu Hause fort. Das war zuviel des Traurigen auf einmal. Sie legte den Kopf auf das bunte Tuch und schluchzte zum Herzzerbrechen.
Ursel hörte sie draußen weinen. Aber sie hatte jetzt keine Zeit, nach dem Grund ihres Schmerzes zu forschen. Eine merkwürdige Zeitungsnachricht, die sie im Sonntagsblatt gelesen, hatte sie erschreckt. —
Ein Brandunglück war dort vom Freitag abend aus einem Ort namens Wildershausen gemeldet. — An verschiedenen Stellen sollte es gebrannt haben. Mehrere Scheunen sollten eingeäschert, und drei Knaben, die im Heu übernachtet hätten, schwer zu Schaden gekommen sein. Wildershausen — Wildershausen, ging es Ursel durch den Sinn. Das war ja der Ort, in dem Hans am Freitag abend übernachten wollte. Ja, ja, so hieß der Ort. Er hatte ihn ihr genannt, als er beim Schuheinfetten am Donnerstag abend in der Küche neben ihr gesessen war und sie auf andere Gedanken zu bringen versucht hatte.
Und nun war er nicht heimgekommen. —
Ursel hatte sich schon den ganzen Morgen um ihn geängstigt. — Am Ende... Ursel wurde es ganz schwarz vor den Augen..., die Knaben waren ja immer noch nicht da. Es ging auf fünf Uhr. Kein Mensch wußte, wo sie waren. Gestern abend hatte Hans bestimmt kommen wollen.
„Frau Pfarrer,“ rief da Ursel, „Frau Pfarrer, hieß der Ort nicht Wildershausen, in dem Hans übernachten wollte?“
„Ja, Wildershausen,“ sagte Frau Cimhuber.
„Sehen Sie,“ rief die alte Magd und reichte ihrer Herrin das Zeitungsblatt, „sehen Sie, da steht’s, Brand. Die Scheune brannte nieder. Zwei Knaben kamen ums Leben. Nein, zu Schaden,“ verbesserte sie.
„Hören Sie, das ist Wildershausen, und da wollte Hans die erste Nacht hin. Am Ende er wird doch nicht... es wird doch nicht... unser Hans... ich sag’s ja immer, das ist nichts mit diesen gräßlichen Wanderungen. Da erkälten sie sich, sie essen schlecht, und zuletzt fallen sie in die Flammen hinein. Das ist das Ende vom Lied. Haben sie es daheim nicht viel besser!“