Ursel begann nun um den Doktorssohn laut zu klagen. Er, den sie am Donnerstag abend noch einen unverschämten Bub genannt hatte, war mit einmal der liebe, gute, freundliche Hans, der ihr so oft das Geschirr abgetrocknet und das Feuer angemacht hatte, wenn ihre Hände vom Rheumatismus angeschwollen waren. Immer wieder hatte er ihr neue Mittel zur Heilung gebracht.
Noch einmal vertiefte sie sich in die Zeitungsnachricht und erklärte dann: „Er ist’s. Drei Knaben steht hier. Das ist Theobald und Hans und Peter. Die schlafen ja immer des Nachts in Kuhställen und auf Heuböden. Ich will jetzt mal hingehen und sehen, was mit Theobald los ist, ob der immer noch nicht da ist.“
Damit legte sie ihren Sonntagsstaat an, einen abgelegten Capothut von Frau Cimhuber und eine schwarze Pelerine, und machte sich auf den Weg zu Susens Verwandten. Leider verfehlte sie Toni um einige Minuten, die mit einer inhaltsreichen Depesche von Theobald in der Hand ihren Weg zu Frau Cimhubers Wohnung hinauf genommen hatte.
Während sich all dies in der Stadt zutrug, hatten Hans und Theobald ereignisreiche Tage verlebt.
Im Kreise einiger Freunde waren sie am Freitag morgen dem Gebirge zugefahren, hatten dort die Bahn verlassen und waren zur Höhe emporgestiegen, von wo sie eine Kammwanderung angetreten hatten.
Hans fühlte sich am Wandertage nach den beklemmenden, letzten Ereignissen im Cimhuberschen Haus so frei wie der Vogel in der Luft. Sein Hut hing am Rucksack. Der Wind spielte ihm frisch um die Stirn. Ein herber, stärkender Hauch wehte hier oben. Große landschaftliche Schönheit breitete sich vor seinen Augen aus. Von der Ebene her leuchteten die Dörfer und Ortschaften, von der Sonne beschienen, weiß herauf. Am Bergeshang tief unten lag ein zarter Schleier über den Wald gebreitet. Es war das erste Frühlingsgrün, duftig wie ein feiner Hauch. Hier oben, wo es nur niedere Tannen und verkrüppelte Buchen gab, merkte man noch nichts vom Blühen und Wachsen.
In dem unermeßlichen Äther in der gleichen Höhe mit den Knaben zog ein Bussard über der Tiefe des Tals in wunderbarer Ruhe seine Kreise. Die Knaben blieben eine Weile stehen und folgten ihm mit den Blicken. Dann zogen sie weiter auf dem Gebirgskamm, der sich wie eine hochgespannte Brücke unter Gottes Himmel hinzog. Mittagsrast hielten sie in einer verlassenen Burgruine, die auf einem Gebirgsvorsprung lag und zu der sie nach einer zweistündigen Wanderung vom Kamm heruntergestiegen waren. In dem alten, eingeschlafenen Burghof machten sie sich ein Feuer an, um abzukochen. Bald brodelte eine kräftige Suppe im Kochtopf.
Hans langte mit großem Heißhunger zu. Die Vorstellung, daß jetzt eine gräßliche, dumpfe Stimmung über dem Cimhuberschen Haus brüte, schien seinen Appetit noch zu verdoppeln.
Nach beendigter Mahlzeit holten einige Knaben von einem nahegelegenen Quell Wasser und wuschen das Geschirr ab. Einer der Wanderer, ein begeisterter Redner und Sänger, drückte sich von der Küchenarbeit und erklomm das Gemäuer des verfallenen Rittersaals, um von einer Fensterhöhlung herab eine flammende Rede zu halten über die Zeit, als hier der Bauernkrieg wütete. — Hans hörte, den Kopf im Nacken, mit großem Interesse zu. Theobald hingegen zuckte die Achseln und verzog sich auf den Bergfried, wo er aus schwindelnder Höhe sich das Tal betrachtete und sich an der Hand einer Karte orientierte.