„Das wundert mich,“ meinte Theobald, „der Doktor Brettelkern ist ein Onkel von uns, ‚zehnmal um die Ecke rum‘, das heißt von meinem Alten. Dein Vater kennt ihn aber genau, denn dein Vater und meiner waren schon in ihrer Jugend unzertrennliche Freunde. Und der Onkel Brettelkern hat an den beiden einen Narren gefressen gehabt, bis es eines Tages zum Krach gekommen ist. Widerspruch konnte der Brettelkern nämlich nicht ertragen. Und als die beiden jungen Dächse einmal in irgend einer Frage, ich glaube, es war die Alkoholfrage, gegen ihn gewesen sind, da wurde er fuchsteufelswild und hat sie vor die Tür gesetzt. Ich glaube, jetzt nach Jahren hat er endlich mal wieder an deinen Vater geschrieben wegen seiner Praxis, die er abgeben will.“
„Davon weiß ich nichts,“ meinte Hans ganz verwundert.
„Na, das ist ja auch nebensächlich, die Hauptsache ist, daß wir auf seinem Heuboden übernachten wollen,“ erklärte der Vetter. „Und am andern Morgen bringen wir ihm ein Ständchen und stellen uns vor als die Söhne vom Sepp und vom Hermann. Schmeißt er uns dann zum Hof hinaus, so ist’s ja noch immer Zeit zum Laufen meint der Vater.“
Dieser Plan wollte Hans keineswegs einleuchten. Und auch Peter schien es viel besser, sich einen Unterschlupf für die Nacht zu suchen, wo man am andern Morgen aufrechten Ganges davongehen konnte.
Indes die beiden fügten sich schließlich doch Theobalds Anordnungen. Bald hatten sie das freundliche Städtchen Wildershausen erreicht, und mußten nun den ganzen Ort durchwandern, ehe sie die Wohnung ihres Onkels gefunden hatten. Sie lag an der breiten Hauptstraße, ganz am andern Ende der Stadt.
„Aha, da sind wir,“ meinte Theobald, der zuerst das Schild mit dem Namen des Doktors an einem der weißgetünchten Häuser entdeckt hatte. „Dann können wir also drei Mann stark in seinen Wigwam einfallen. Hoffentlich laufen wir ihm nicht gleich in den Weg. Sonst wirft er am Ende einen Blick auf unsere klassischen Gesichter und drauf uns alle drei am Kragen hinaus.“
Durch die Gitterstäbe des großen eisernen Hoftores mit dem kleinen Eingangstor an seiner Seite spähten die Knaben in den Hof. Im Hintergrund gewährten sie eine Scheune mit einem Stall, zu dem rechtwinklig ein Schuppen angebaut war. Eine Menge Holz war darunter aufgeschichtet.
Daneben stand ein Mann, augenscheinlich der Kutscher, der damit beschäftigt war, Pferdegeschirr zu reinigen.
„Sollen wir’s wagen, sollen wir’s wagen?“ fragte Theobald. — „Hopp, wagen wir’s.“
Und die drei traten schnellen Schrittes ein, grüßten höflich und trugen ihr Anliegen vor. Theobald redete dabei wie ein Wasserfall. Der Mann vor ihm sah ihn zuerst mit leichtgeöffnetem Mund ganz verständnislos an. Dann aber begriff er langsam, langsam, lächelte verschmitzt und nickte beifällig.