Suse sah die Pfarrfrau hilflos an; ihre Augen füllten sich mit Tränen; mit einem Male sagte sie kaum hörbar: „Ich hab’ immer hingehört und aufpassen wollen, aber da hab’ ich immer an unseren Michel daheim und den Lehrer denken müssen, und da hab’ ich nicht aufgepaßt.“

„Und ich hab’ auch nicht aufgepaßt,“ sagte Hans und saß wie das verkörperte schlechte Gewissen da.

Frau Cimhuber schaute lange vorwurfsvoll von einem Kind zum andern und fuhr dann mit ernster Stimme fort: „Aber ihr müßt aufpassen, Kinder. Das ist eure Pflicht. Das wünschen eure Eltern. Daran müßt ihr immer denken; und wenn der Unterricht auch schwer fällt, müßt ihr eben doppelt aufpassen.“

Ursel aber, die bei Tisch bediente, schlug einmal übers anderemal die Augen zur Decke empor, und nach dem Essen begann sie: „Ich hab’ grad gemeint, ich hab’ einen Schlag an den Kopf bekommen, wie ich das Gestammel und Gestotter gehört hab’. — Auf einer blauen Kugel haben sie herumfahren dürfen! Ist das nicht fürchterlich? Das hab’ ich doch jetzt all mein Lebtag noch nicht gehört, daß in der Schule Kugeln sind, auf denen man herumfährt. Bei den Kindern stimmt’s nicht. Irgendwo stimmt’s nicht.“

Der Pfarrfrau wurde es angst und bange angesichts von Ursels Aufgeregtheit, und sie sann darüber nach, wie sie die alte Magd besänftigen könne. Denn es läßt sich nun mal nicht leugnen, daß Ursel in den langen Jahren, in denen sie bei Frau Cimhuber Magd gewesen war, sich zur Gewalthaberin im Hause ausgebildet hatte, die oft selbst ihre eigene Herrin einzuschüchtern verstand.

„Es hilft nichts, Ursel,“ sagte Frau Cimhuber jetzt in beruhigendem Ton, „wir müssen Geduld haben.“

„Wenn ich da an unseren Edwin denke,“ fuhr Ursel unbeirrt fort, „wenn der aus der Schule kam, der wußte immer alles, der saß nie so verdattert da. Das war eine Freude, den anzusehen, bei dem konnte man noch was lernen.“

„Ja, ja, unser Edwin,“ sagte Frau Cimhuber, und ein glückliches Lächeln ging über ihr Gesicht, „der machte uns stets nur Freude.“

Auch Ursels Gedanken wanderten auf dem eingeschlagenen Weg fort, und sie sagte nachdenklich: „Wann er wohl schreibt, der Herr Edwin? — Er hat so lange nicht geschrieben. Aber man braucht ja nicht in Sorge zu sein. Das dauert ja immer lange, bis die Briefe die weite Reise gemacht haben.“