„Mir ist gerade, als schriebe er heute,“ sagte Frau Cimhuber, versonnen vor sich hinblickend. „Ich habe so ein Gefühl, als müßte ich heute noch einen Brief von ihm in Händen halten.“
Während dieser Unterredung hatten Hans und Suse sich in ihr Zimmer zurückgezogen und begannen wieder froh zu werden.
Sie wollten heute nachmittag ja den Onkel Gustav besuchen.
Keinem von beiden kam der Gedanke, ein Gang zu ihrem Onkel könnte ihnen verwehrt werden, waren sie doch von Hause aus gewöhnt, in ihrer freien Zeit zu tun und zu treiben, was ihnen beliebte. Hans putzte sich und kämmte sich und richtete sich säuberlich her, gerade als sei ein Auto eine hochgestellte Persönlichkeit, der man durch ein geschniegeltes Äußeres Achtung abzwingen könne. Dazu erzählte er in einemfort von den Plänen, die er mit Theobald gefaßt hatte.
„Um drei Uhr will er uns abholen,“ erklärte er, „ich hab’ ihm gesagt, er soll doch zu uns herauskommen, aber er will nicht. — Er will nicht vor Frau Cimhuber dienern und scharwenzeln, weil sie ihm nicht ganz grün ist.“
Lange vor der festgesetzten Zeit standen die beiden Kinder am Fenster und sahen erwartungsvoll nach dem Vetter aus. Endlich, endlich tauchte er in der Ferne auf, dicht am Geländer des Kanals entlang schlendernd. Jetzt war er fast dem Haus der Frau Cimhuber gegenüber. Jetzt sah er auf und entdeckte die beiden am Fenster. Sie machten ihm ein Zeichen, zu warten und beschlossen dann, ihrer Pflegemutter zu sagen, was sie vorhätten, um sich von ihr zu verabschieden.
Da ging die Tür auf und sie selbst trat ein, und zwar zum Ausgehen bereit. Auf ihrem Kopf trug sie einen kleinen Kapothut, der mit langen Bändern unter dem Kinn gebunden war, und über ihre Schultern hing ein langer Spitzenüberwurf. „Ich wollte sehen, was ihr treibt,“ begann sie eintretend. „Ihr müßt nämlich ein paar Stunden allein hier bleiben; denn Ursel und ich gehen in die Stadt und wollen das Haus von Bekannten ausschmücken, die von einer Reise zurückkommen. Ihr macht derweil eure Aufgaben oder schreibt Briefe nach Hause. — Das scheint mir das Richtigste. — Du, Suse, arbeitest vielleicht auch an einer Handarbeit. Du hast sicher ein Strickzeug?“
„Ja, ein Puppenunterröckchen hab’ ich mitgebracht,“ sagte Suse kaum hörbar.
„Du nimmst also dein Strickzeug und strickst. Kleine Mädchen dürfen nie unbeschäftigt dasitzen.“
Suse nickte.