„Halt, noch etwas wollte ich sagen,“ meinte die Pfarrfrau, „wenn es klingelt, so geht ihr hin und macht auf. Es kann sein, daß der Briefträger kommt.“
Die beiden konnten fast nicht atmen, so fuhr ihnen der Schreck in die Glieder. — Nun konnten sie ja gar nicht fort. — Wie verwundete Rehe, so traurig sahen sie Frau Cimhuber an. Sie aber merkte nichts von ihrer Niedergeschlagenheit und sagte ganz freundlich: „Lebt wohl, Kinder! Ihr habt doch verstanden, daß ihr auf das Klingeln achten sollt? Nicht wahr?“
Und damit hatte sie auch schon das Zimmer verlassen.
Das Geschwisterpaar hörte die Flurtür schlagen, und Frau Cimhuber samt Ursel von dannen gehen. — Nun war alles aus.
Suse ließ sich mit gefalteten Händen auf einen Stuhl nieder. Hans schlich sich zum Fenster und blickte wehmütig hinter den beiden her. Er sah sie aus dem Hause treten und die Straße kreuzen. In demselben Augenblick gewahrte er, wie der Vetter, der am Kanal lustwandelte, auch der Pfarrfrau und ihrer Begleiterin ansichtig wurde und kehrt machte, als sei ihm ein Schuß in die Glieder gefahren. Weit beugte er sich über das Geländer des Kanals und stierte lange in das trübe Gewässer. Endlich, als er annahm, daß sie außer Sicht seien, drehte er sich um, machte einen Luftsprung und eilte auf das Haus, aus dem sein Vetter sah, zu, nahm die Treppen im Sturm und klingelte im vierten Stock, daß es nur so durch die Stuben hallte.
„Fein, daß ihr da seid,“ meinte er zu seinen kleinen Verwandten. „Jetzt kann man doch mal mit Muße in eurem Wigwam herumäugen. Wißt ihr, wenn Frau Cimhuber und ihre Hofdame, der Igel Ursel, da sind, ist’s mir nicht recht geheuer. Da ist so ein dunkler Punkt zwischen uns. Übel, übel, sag’ ich euch.“
Suse errötete tief, denn ihr war plötzlich eine Erzählung von Theobald eingefallen, wonach ihn Frau Cimhuber einmal mit ihren „spitzen Krallen“ gepackt und mit „pöbelhaftem Ungestüm“ vor die Tür gesetzt hatte, weil er ihren Hund, den Karo, auf die linke Hinterpfote getreten hatte. —
Der dunkle Punkt vermutlich. —
Und taktvoll leitete die Base das Gespräch auf andere Dinge.