Das Geschenk stellte eine Kugel dar, die auf einer Alabasterplatte ruhte, und zeigte in seinem Innern „die heilige Nacht“ in bunten Figuren. Maria und Joseph saßen, von Schneegestöber umhüllt, vor der Krippe und beteten das Christkind an.
Nachdem Suse das Geschenk ein Weilchen zärtlich betrachtet hatte, legte sie es auf den Tisch nieder und reihte an seine Seite ein Andenken von Christine, einen Wachsengel in einer Pappschachtel, der zwischen lauter Papierblumen wie ein blankes, reingewaschenes Badepüppchen hinter einer Glasscheibe hervorsah. — Lange Jahre hindurch war dies ärmliche Kunstwerk Christines Heiligtum gewesen und von ihr bewundert, gehütet und gepflegt worden. Jetzt gehörte es Hans und Suse. Auch zwei Federn von Babette Buntrock, dem Lieblingshuhn der Doktorskinder, wurden zu den Andenken gelegt. Dann rückte sich das kleine Mädchen einen Rohrstuhl an den Tisch und begann zu schreiben:
„Liebe, liebe Mutter, lieber, lieber Vater!
Ich muß immer an Euch und Michel und Christine und an alle, alle denken. Es ist wunderschön hier. Ach, wäret ihr nur hier! Ist Christines Ziege wieder besser? Ich bin allein hier, und der Hans ist fort und besucht den Onkel Gustav. Oh, wie hab’ ich mich gefürchtet heute morgen, wie ich in die Schule bin. In der Schule lerne ich nichts. Die Kinder sind alle viel klüger als wir, und viele Lehrerinnen gibt’s hier. Frau Cimhubers Sohn ist in Afrika, dort ist es wunderschön. Aber ich möchte, ich wär daheim.“
Zu diesem Brief brauchte Suse vielleicht anderthalb Stunden; denn fast nach jedem Wort machte sie lange Pausen, kaute an ihrer Feder oder trocknete umständlich ihre Tränen ab, die immer wieder auf das Papier tropften.
Zuletzt wußte sie nicht mehr was schreiben, schob ihr Papier zur Seite und holte ihr Puppenunterröckchen hervor, um ein wenig daran zu arbeiten, wie Frau Cimhuber ihr ja befohlen hatte.
Aber es wollte nicht so recht mit der Arbeit vorwärts gehen, denn das Kind mußte immerwährend an seinen Bruder Hans denken.
Wenn er nun nicht zur rechten Zeit nach Hause käme? Was dann?
Da klingelte es. Suse flog zur Tür. „Hans, Hans!“ rief sie. Aber als sie öffnete, stand niemand anders vor ihr als Ursel, und zwar anscheinend in großer Aufregung.
Suse zitterte wie Espenlaub. Sie glaubte bestimmt, die Magd habe Hans irgendwo auf der Straße mit Theobald gesehen und wolle nun nachsehen, ob sie sich nicht getäuscht habe.