Ursel sah auf das Schreiben in des Postboten Hand und erkannte die fremde Marke und eine vertraute Schrift. „Danke, danke,“ sagte sie zitternd.

„Er ist von Herrn Edwin,“ fuhr sie fort, das Schreiben um und um wendend. „Da wird sich Frau Cimhuber freuen. Darauf warten wir schon lange. Großer Gott, wir danken dir, du verläßt uns nicht. — Gleich, gleich will ich jetzt zu der Frau Pfarrer gehen und ihr den Brief bringen. Sie wird so froh sein. Sie wird überglücklich sein.“

Und Suse sah mit Verwunderung, wie der alten Frau die Tränen in die Augen traten und die Röte der Erregung die Nasenspitze leuchtend färbte. Und wie sie dann ihre Küchenschürze hastig gegen ihre baumwollene schwarze Staatsschürze umtauschte, indem sie eifrig sagte: „Eßt, liebe Kinder, und trinkt euren Kaffee, und seid nicht ungeduldig, daß wir euch allein lassen. Wartet noch ein Weilchen, wir sind bald wieder da. Lebt wohl, lebt wohl.“

Das Kind blickte nur immer nach Ursels Augen, die so hell strahlten wie Lichter, während sie doch noch vor kurzem so düster, so unfreundlich dreingesehen hatten.

„Sie sind froh, gelt, Ursel?“ fragte das kleine Mädchen, als sie der alten Magd das Geleite zur Tür gab.

„Ja, wir sind froh, Frau Cimhuber und ich sind sehr froh. Wir hatten so Angst um das arme, arme Kind. Was hat der Herr Edwin alles in Afrika auszustehen! Ich werde euch einmal davon erzählen, wenn ich Zeit habe.“

„Danke, danke,“ rief Suse, und ihr Herz klopfte bei der schönen Aussicht auf die künftigen Erzählungen.

Als Ursel gegangen war, kam dem Doktorskind aber gleich wieder der Gedanke an den abwesenden Bruder, und sie zitterte vor Angst. Wenn Frau Cimhuber wiederkehrte, und er wäre noch nicht da, so würde es ihm schlecht ergehen. Suse lehnte sich aus dem Fenster und spähte die Straße hinunter, ob er noch nicht komme. Die Tür ließ sie sperrangelweit hinter sich offen, und der Götze hätte jetzt bequem hereinkommen und Suse ein wenig zwicken können, wenn er der Unhold gewesen wäre, als den sie ihn erkannt hatte.

„Wenn Hans doch nur käme, wenn Hans doch nur käme, ach, wenn Hans doch nur käme,“ sagte sie in Gedanken immer wieder vor sich hin.

Eine Stunde wollte er ja nur fortbleiben! Wenn er doch nur käme! Bald würden Frau Cimhuber und Ursel wiederkommen, dann wär’ er nicht da, und dann....