„Wie schön, wie schön,“ sagte Hans leise.
Suse aber faltete die Hände und wiederholte die Worte von heute morgen: „Ach, wenn doch daheim auf unserem Dach auch mit einemmal solche herrliche Buchstaben herumsprängen! Der Vater und die Mutter, die würden sich gewiß freuen, gelt Hans? Die Buchstaben sind doch das aller-, allerschönste hier! Wenn die nicht wären, dann wär’ es so häßlich wie nirgends sonst auf der Welt!“
Zweites Kapitel.
Die Flucht
Für den Sonntagnachmittag waren Hans und Suse bei Onkel Sepp und Tante Hedi, Theobalds Eltern, eingeladen. Aber im letzten Augenblick wurde die Einladung zurückgenommen, und die Geschwister mußten daheim bleiben. Ihre Vettern und Basen durften an dem Tag keinen Besuch empfangen; es waren eben unverbesserliche Sausewinde, die nichts wie tolle Streiche verübten, für welche sie dann büßen mußten. Diesmal handelte es sich um eine recht dunkle Sache, von der Theobald nur in unklaren Andeutungen sprach. Danach war eine Papiertüte voll Wasser zufällig von der Gartenmauer seines Vaterhauses gefallen, einer vorübergehenden Marktfrau auf den Kopf und dort geplatzt, worauf die Frau vor Schreck sich mitten auf der Straße niedergelassen hatte.
Und für diesen harmlosen Vorfall, an dem nach Theobalds Ausspruch kein Mensch Schuld hatte, waren Onkel Sepps Kinder hart bestraft worden und hatten heute Stubenarrest.
So waren Hans und Suse denn auf sich allein angewiesen. — Frau Cimhuber war ausgegangen und hatte den Kindern versprochen, sie gegen Abend zu einem Spaziergang abzuholen. Ursel hatte sich in die Küche zurückgezogen, denn sie litt noch immer an starkem Zahnweh, und auf ihrem vermummten Kopf standen die Zipfel ihres Tuches steil aufrecht wie zwei Hasenohren.
Die ganzen letzten Tage hatte sie zwar versprochen, den Kindern heute Missionarsgeschichten zu erzählen; aber nun, da es so weit war, warf sie Blicke um sich wie der Drache in der Höhle, und die Kinder mieden sie ängstlich.
Die meiste Zeit des Nachmittags verbrachten sie in ihrem Zimmer, wo Suse in eine immer gedrücktere Stimmung verfiel. Sie hielt einen Brief ihrer Mutter in Händen, den sie heute morgen erhalten hatte und in dem sie immer wieder las.
„Mein liebes Kind,“ stand in dem Brief geschrieben, „die Veilchen blühen noch immer und tragen viele Knospen und Rosel begießt sie täglich und schaut nach ihnen. Die Sonne scheint jetzt schon so wohlig und warm im Garten, und alles beginnt zu blühen und zu grünen. Minnette hab’ ich ihr Glöckchen weggenommen, das Du ihr zum Abschied umgebunden hast, und beiseite gelegt, weil es sie belästigte; aber wenn Du wiederkommst, darfst Du es wieder hervorholen und ihr umbinden, liebes Kind. Michel liegt in der Sonne auf der Hoftreppe und grollt mit uns, wie Euer Vater sagt, weil wir Euch fortgehen ließen, und nun läßt er seinen Zorn an den Hühnern und Katzen der Nachbarschaft aus und beißt und schüttelt sie, wo er nur kann. Zur Strafe soll er mal wieder für einige Zeit zum Förster in die Nachbarschaft kommen, damit er sich wieder bessere Manieren angewöhnt. Christine und Rosel sprechen immerzu von Euch und haben sich heute wunderbare Briefbogen mit Vergißmeinnicht und verschlungenen Händen gekauft, und nun wollen sie Euch Briefe schreiben. Christine wird ihren Rosel diktieren. Auch Eure Freunde und Freundinnen waren schon da und haben nach Euch gefragt.“