Sie lauschten atemlos.
„Jetzt weiß sie’s,“ flüsterte Suse.
Hans fuhr zusammen und saß blaß und regungslos in der Ecke und erwartete jede Minute, Frau Cimhuber werde mit dem Götzen auf dem Arm hereinkommen und ihn zur Rede stellen.
Aber sie kam nicht, und auch später, als die Kinder mit ihr beim Abendessen zusammentrafen, machte sie ihnen keine Vorwürfe. Sie sah nur still vor sich nieder. Da konnte Hans schließlich ihren stummen Anblick nicht mehr ertragen, und er sagte leise und beklommen: „Frau Pfarrer,... Frau Pfarrer...“ Dreimal schluckte er trocken runter, dann begann er wieder: „Ich bitte Sie um Entschuldigung wegen dem Götzen, Frau Pfarrer. — Er — ist so rutschig und glitschig wie ein Fisch. Er ist mir aus den Armen gefallen. — Ich glaub’ — ich mein’ —,“ fuhr er stotternd fort, „wenn Sie erlauben, Frau Pfarrer, mein’ ich, möcht’ ich Ihnen einen neuen Gott schenken. Ich könnte Ihnen einen schnitzen lassen. Ich habe einen Freund Martin, der schnitzt sehr schön, der könnte Ihnen einen neuen schnitzen. Meiner Mutter hat er einen Nähkasten geschnitzt. Spazierstöcke kann er auch machen. Der würde sicher einen schönen Negergott fertig bringen.“
„Es kommt nicht auf die Schönheit an,“ sagte Frau Cimhuber schmerzlich. „Diese Figur war mir nur deshalb lieb, weil sie ein Geschenk meines Sohnes aus Afrika ist. Aber wie kommt gerade ihr darauf, sie herunterzunehmen? Ihr möchtet doch gewiß auch nicht, daß wir euere Sachen in euerer Abwesenheit anfassen und kaput machen.“
„Nein... nein,“ stotterten die Kinder, und Hans sagte kleinlaut: „Wir wollten ihn nicht kaput machen. Und wir faßten ihn auch sonst nicht an, aber...“
„Ich hab’ gemeint, er ist lebendig,“ fiel hier Suse weinend ein. „Entschuldigen Sie, Frau Pfarrer, ich fürcht’ mich so vor ihm. Und da hat Hans gesagt: er ist nicht lebendig. Und da wollten wir sehen, ob er lebendig ist. Und da war er gerade wie lebendig. Und ich habe ihn schon ganz sicher mal gehört, wie er des Nachts vor meiner Tür gesessen ist und leise geklopft hat und gesagt hat: Macht auf; seid ihr drin; ich komme.“
„Aber Kind, du phantasierst,“ sagte die Pfarrfrau und sah Suse erschreckt an. „Aber, Kind,“ begann sie dann wieder, „du mußt acht geben auf alles, was du sagst. Sonst sagst du die Unwahrheit, und das ist das Schlimmste, was ein Kind tun kann.“
Suse fuhr zusammen. Hans sah ängstlich auf und verteidigte seine Schwester: „Suse träumt immer so. Und dann wacht sie auf und dann hat sie gehört, wie jemand draußen war und dann hat sie gemeint, es ist der Götze.“