„Antworte,“ rief der Lehrer.
Er schwieg.
„Ah, du bist auch noch trotzig,“ fuhr Herr Meyer ihn an. „Marsch, geh’ wieder auf deinen Platz. Ich kenne dich, Bürschchen. Aber jetzt hab’ ich keine Zeit für dich. Doch morgen früh wirst du mit mir zum Herrn Direktor gehen.“
Hans konnte noch immer keinen Laut hervorbringen. Wie ein zum Tode Verurteilter stand er da. Dann kehrte er langsam um, und als er an seinem Platz angelangt war, warf er seinem Nebenmann Kurt einen langen, verängstigten Blick zu.
Zwischen diesem und Peter war ein hartnäckiger Streit ausgebrochen. Hansens Freund angelte mit Armen und Beinen an Hans vorüber nach dem Klubgründer hin, und als er ihn schließlich am Bein erwischt hatte, riß er ihn mit einem Ruck fast von der Bank. Sein Mitschüler kehrte ihm ein finsteres, verschlagenes Gesicht zu.
Hans merkte nichts von alledem. Vor seinen Augen war es finster wie in einem Sack. Die Worte des Lehrers klangen wie fernes Gemurmel an seinen Ohren. Nichts ging ihm mehr ein, nur der eine Gedanke beherrschte ihn ganz und gar, er wollte fort von hier, fort. Im Grunde hatte er ja genau dasselbe Heimweh wie Suse. Bis jetzt hatte er es nur sorgsam versteckt. — Die Schwester hatte ja so recht, sie machten ja doch alles verkehrt hier, sie konnten anfangen, was sie wollten. Und morgen gar sollte er zum Direktor! Und gingen sie nicht von selbst, so schickten ihre Lehrer sie schließlich fort. Drum sagte Hans, als er heute nach Hause kam, zu seiner Schwester: „Suse, wir wollen heim.“
Die Schwester glaubte zuerst nicht recht gehört zu haben, dann aber rief sie laut: „Nach Hause! Oh, wie schön! Oh, wie schön! Oh, wie freu’ ich mich! Wie freu’ ich mich! Heim! Heim! Zu unseren Eltern!“
Der Bruder antwortete nichts, Suse aber handelte. — Eine wichtige Frage galt es in erster Linie zu erledigen. Woher sollten sie das Reisegeld nehmen? — Die drei Mark, die Suse noch hatte, und die paar Groschen von Hans reichten lange nicht. Da kam ihr ein herrlicher Gedanke. Sie hatten ja einen treuen Beschützer und Freund hier in der Stadt, den Vetter Theobald. — So böse und übermütig, wie der einst in Susens Elternhaus gewesen, so fürsorglich war er jetzt. Erst gestern hatte er ihnen beiden Schokolade aus einem Automaten geschenkt. Der Vetter würde helfen!
So schaute Suse denn gegen drei Uhr nachmittags fleißig nach ihrem Vetter aus, da er täglich zu dieser Zeit auf seinem Weg zur Schwimmanstalt an Frau Cimhubers Haus vorübergehen mußte.
Auch heute tauchte er zur gewohnten Stunde auf, und Suse konnte hinuntereilen und sich ihm anschließen. Lange Zeit fand sie nicht den Mut zum rechten Wort und verfiel in Stillschweigen. Er aber hielt ihr ehrfurchtsvolles Verstummen für eine Huldigung, die sie seiner bedeutenden Persönlichkeit darbrachte, und erzählte in der aufgeblasensten Weise von seinen Erlebnissen.