Er könne all den Freunden und Belustigungen, die in dieser interessanten Stadt auf ihn einstürmten, kaum Herr werden, meinte er mit einem Seufzer. So gehe er heute abend mit seinem Onkel Fritz in den Zirkus, um sich eine Vorstellung von Akrobaten und Kunstradfahrern anzusehen. Es sei fabelhaft. Es sei unglaublich. Es sei überwältigend, was diese Künstler leisteten. — Auf dem Hinterrad ihrer Maschine fahrend, würfen sie das Vorderrad in die Höhe, sausten in dieser Stellung rund um den Zirkus, stellten sich mit dem Kopf auf den Sattel und strampelten mit den Beinen. Forschend sah der Vetter in seiner Cousine Gesicht und erwartete dort Bewunderung, Überraschung, Staunen. Aber nichts dergleichen war zu sehen.

Suse hing eigenen Gedanken nach. Und während er sie noch so betrachtete, platzte sie mit einem Male los: „Du, Theobald, du möchtest mir zwanzig Mark geben. Wir gehen morgen nach Hause.“

„Was?“ rief Theobald und sank auf einer Bank am Kanale nieder. Er starrte Suse an wie von Sinnen.

„Was?“ stotterte er.

Und mit einemmal trampelte er mit den Füßen auf dem Boden, schlug sich mit den Händen auf die Knie und fing so laut und heftig an zu lachen, daß Suse meinte, er ersticke. Ganz blaurot war er im Gesicht und zappelte auf der Bank herum wie ein Fisch, der auf das Trockene geraten ist. Ja, in seinem Übermut wurde er wieder ganz der ausgelassene Theobald, als den Suse ihn in ihrem Heimatsort kennen gelernt hatte, lief auf seinen Händen wie ein Zirkuskünstler ein Stück durch die Anlagen, kehrte dann um, sprang auf seine Füße, ließ sich wieder auf die Bank plumpsen und dazu rief er: „Herrlich, herrlich! Ich möchte die Spatzen auf den Dächern umarmen vor Freude. So was Schönes hab’ ich lange nicht gehört. Wenn ich’s mir nicht gedacht hätte. Und dabei habt ihr immer so geprahlt mit eurer Negerstube und eurer Pflegedame und dem Kirschenpudding, den sie euch macht, und dem dicken Apfelmus auf euren Bröten. Und dabei habt ihr immer gesagt, Frau Cimhuber ist so fromm, daß sie sicher in den Himmel kommt. Und jetzt wollt ihr fort von eurer frommen Frau. Weiß sie’s denn schon, daß ihr geht?“ forschte er.

Suse schüttelte ihr Haupt.

Da lachte Theobald lauter denn je, schlug sich auf die Knie, warf sich hinten über die Bank, konnte sich aber noch zur rechten Zeit an der Lehne festhalten und daran emporziehen und trieb so lange Unfug, bis Suse ihn am Ärmel packte und auf die Leute aufmerksam machte, die rund herum standen und lachten.

Da entsann er sich flugs seiner Würde als wohlerzogener Stadtmensch, ließ sich gesittet auf der Bank nieder und forderte seine Base auf, neben ihm Platz zu nehmen, damit sie alles besprächen.

Dann begann er sein Verhör. „Also das Reisegeld willst du. Zwanzig Mark stehen zu deiner Verfügung. Die hab’ ich letzte Woche von Onkel Fritz zum Geburtstag bekommen. Aber Toni hat sie mir gestern abgebettelt für ein Bild, das sie ihrer Freundin schenken will. —