So war denn alles zur Flucht geordnet. Das Reisegeld war den Kindern sicher, der Fluchtplan stand auf dem Papier, und die Sachen mußten heute abend gepackt werden.
Langsam ging Suse nach Hause und sagte zu ihrem Bruder: „Es ist alles gut, Theobald gibt uns das Geld. Wir gehen.“
Der Bruder nickte. Je weiter aber der Nachmittag vorschritt, um so beklommener ward es ihr zu Sinn. Die frohe Zuversicht, die sie heute morgen angesichts der Entschlossenheit ihres Bruders beseligt hatte, machte schweren Gedanken Platz. War es nicht falsch und schlecht von ihr, Frau Cimhuber zu belügen und zu betrügen und zu tun, als wäre nichts los, während man einen solch hinterlistigen Fluchtplan anzettelte? Gewiß, es war böse und schlecht, aber Suse konnte nicht anders. Sie mußte fortlaufen. Sie konnte keinen Tag länger hier bleiben. Sie mußte fort, fort nach Hause!
Dann während des Abendessens saß sie mit ängstlich klopfendem Herzen der Pfarrfrau gegenüber wie ein Häschen, das den Jäger kommen hört. Hans ging es nicht viel besser. Seine Augen flackerten unruhig hin und her, und die von Ursel aufgetischten Quellkartoffeln würgten ihn im Halse wie Hanfknäuel.
Und als im Laufe der Tischsitzung die Pfarrfrau einige Augenblicke von Ursel herausgerufen wurde und die Geschwister allein blieben, sahen sie sich scheu um.
„Ich meine grad’, ich ersticke,“ unterbrach Suse die Totenstille.
Der Bruder nickte.
„Hernach wollen wir unsere Sachen zurechtlegen,“ fuhr die Schwester leiser fort, „und uns genau den Reiseplan ansehen. — Hier, nimm den Zettel! Du gibst doch besser drauf acht,“ meinte sie, indem sie in die Tasche langte und nach dem bewußten Papierstreifen suchte.
Aber plötzlich zog sie ihre Hand zitternd aus der Tasche zurück und erklärte stockend: „Er ist fort, ich hab’ ihn verloren.“
„Verloren?“ sagte Hans, noch um einen Schatten blasser als bislang, „hoffentlich hast du ihn nicht hier im Haus verloren und Ursel oder Frau Cimhuber finden ihn.“