Hier achtete die Schwester nicht weiter auf des Bruders Reden, sondern sah mit gespanntem Ausdruck nach der Tür, vor der schlürfende Schritte und Stimmen zu hören waren. — Sicher gingen Frau Cimhuber und ihre Magd vorüber. Ganz still verhielten sich nun die Kinder, bis die Geräusche draußen verklungen waren, dann stand Hans leise auf, ging auf den Zehenspitzen zur Türe und spähte über den langen Gang.

„Du, Suse,“ flüsterte er im nächsten Augenblick zurück, „sie sind jetzt in der Küche. Ich höre sie. Und hör’ mal, Suse, die Negerstube ist offen. Komm’ mal, wenn du sie sehen willst.“

„Wo, wo? Wirklich, laß’ mich mal sehen,“ rief Suse und war in zwei Sprüngen an der Seite des Bruders. Ganz aufgeregt sah sie über den Gang nach Frau Cimhubers Staatsgemach, der „Negerstube“, hin. — So hatten die Kinder das Zimmer der Pfarrfrau getauft, weil es die merkwürdigsten Dinge aus fremden Ländern enthielt: Löwen- und Tigerfelle, ausgestopfte Affen, Vögel, Waffen und Bilder von Negern, Gefäße aus Holz und Stein und einen großen Götzen.

„Dort hinten, guck, dort hinten sitzt der Gott,“ flüsterte Suse, ihren Bruder am Arm packend. „Dort sitzt er.“

Und die beiden sahen wie gebannt auf das seltsamste Stück des ganzen Raumes, einen schwarz angestrichenen Negergott, der mit seinem bienenkorbdicken Leib und runden Schädel vergnügt von einer Säule in der Ecke herüber grinste.

„Man meint, er lebt,“ flüsterte Suse „Für hundert Tafeln Schokolade möchte ich ihn nicht anfassen. Und du, Hans?“

In diesem Augenblicke hörten die beiden wieder Schritte und flohen in ihr Zimmer zurück. Irgend jemand kam — Ursel oder die Pfarrfrau.

Gleich darauf wurde die Klinke ihrer Tür niedergedrückt, und Frau Cimhuber stand auf der Schwelle.

Sie war gekommen, die Kinder zu wecken.