Da brach der Onkel in ein schallendes Gelächter aus. Besonders die Vorstellung erschien ihm köstlich, daß Ursel in verkehrter Richtung davon gefahren sei, und zwar mit Nüstern, die vor Wut ärger gedampft hätten als der Lokomotivenschlot, wie sein Neffe beteuerte.

Der aber blieb heute bei seines Onkels Heiterkeitsausbrüchen eisig kühl und mahnte nur immer wieder: „Du mußt hinterherfahren, Onkel, du mußt es tun. Denk doch daran, wenn ihnen was passiert! Und es passiert ihnen sicher was. Sie sind ja einfach wie die Wickelkinder so dumm.“

Da erklärte sich schließlich der Onkel unter Stöhnen und Schelten bereit, die Fahrt anzutreten. So nebenbei frug er dann, ob es sein Neffe nicht für angebracht hielte, daß er in jeder Westentasche zwei Gummilutscher und zwei Milchfläschchen mitnehme. Überhaupt beabsichtige er, nächstens einen Kindergarten zu eröffnen.

Doch Theobald hatte für seines Onkels Geistesblitze heute nur ein mitleidiges Achselzucken und half ihm in die Kleider, damit der Abmarsch möglichst bald vor sich gehe. Zum Dank hierfür ließ der Onkel ein paar Tropfen Kölnischen Wassers auf den Neffen herabregnen. Den gleichen Wohlgeruch verbreitend, verließen dann die beiden guten Freunde das Haus. Als sie am Bahnhof ankamen, war der Zug schon fort.

Toni hatte inzwischen mehr Glück mit ihrem Bittgang gehabt. Sie war zu Fräulein Hirt gelaufen. Das war Tonis und ihrer Schwestern angebetete Klavierlehrerin, zu der sie in jeder Bedrängnis ihre Zuflucht nahm. Schon seit Jahren verband sie innige Freundschaft mit dieser gütigen Dame, in deren stillem, traulichem Zimmer sich’s so herrlich ausruhen ließ, nachdem man allerlei Torheiten angestellt hatte. Man fühlte sich hier wie auf einer fernen, stillen Insel, um die das gefährliche Meer fern grollte und brauste, ohne einen erreichen zu können. Alles war anheimelnd und vertrauenerweckend hier: die alte, taube Großmutter, die am Fenster im Lehnstuhl saß und zu allem zustimmend nickte, was erzählt wurde, weil sie nichts mehr davon verstand; der Dompfaff, der in seinem Käfig so schöne Trostesweisen pfiff, und vor allen Dingen Fräulein Hirt selbst, die den „Sausewinden“, wie sie Toni und ihre Geschwister nannte, stets mit Engelsgeduld zuhörte und nur zuweilen ein leichtes Lächeln zeigte. Sogar mit stolz erhobener Stimme konnte man ihr seine Heldentaten vortragen, ohne befürchten zu müssen, daß einem plötzlich eine treffende Bemerkung alles Selbstbewußtsein nahm, wie es beim Vater daheim so leicht geschah.

Fräulein Hirt, der vielerprobte Schutzengel, war ja nun an die seltsamsten Überraschungen und Überfälle seitens ihrer Lieblinge gewöhnt.

Trotzdem erschrak sie nicht wenig, als sie ihre Toni zu so ungewohnter Stunde bleich und verstört zu sich hereinstürzen sah und dann mit zitternder Stimme erzählen hörte, was sich zugetragen hatte.

Einen Augenblick stand sie verwirrt da, dann aber hatte sie sich gefaßt und sagte kopfschüttelnd: „Also genau so wie ihr sind diese beiden, genau so zwei Sausewinde. Und dabei sahen die beiden neulich, als ich sie kennen lernte, doch aus, als könnten sie keine drei zählen.“

Und darauf machte sie es ganz anders wie der berühmte Onkel Fritz. Denn anstatt hundertmal zu fragen, was denn eigentlich los sei und zu gähnen und sich zu recken und zu strecken, zog sie sich schnell an und ging zum Bahnhof. Sie erreichte den Zug noch zur rechten Zeit und kam in Haslach in dem Augenblick an, in dem die beiden Flüchtlinge in dem Zimmer des Stationsvorstehers verhört wurden. Davon hatte sie natürlich keine Ahnung und schritt darum eilends durch alle Wartesäle hindurch und sah sich die einzelnen Gruppen der Leute forschend an.