Frau Cimhuber sank auf den nächsten besten Stuhl und strich sich über die Stirn. — Die Kinder waren fort. — Sie glaubte zu träumen. — Da stand es aber auf dem Zettel, daß sie fort waren. — Ja, da stand es. Hans und Suse waren nicht mehr hier. Sie befanden sich auf dem Weg nach Hause. Mein Gott, was war denn los? Was war denn in die Kinder gefahren? Was hatte sie dazu gebracht, sich davonzustehlen? Sie zitterten ja schon, wenn sie einen größeren Gang durch die Stadt machen sollten, und nun waren sie allein auf dem beschwerlichen Weg nach Hause. Wieder strich sich die Pfarrfrau über die Stirn und quälte sich mit hundert Fragen. Warum waren sie denn so unglücklich? Sie und Ursel hatten doch stets das Beste der Kinder gewollt? Und wie oft hatte sie darüber nachgedacht, was ihnen bei der Erziehung am dienlichsten sei, und war immer wieder zu der Einsicht gekommen, daß sie Ernst und Strenge nötig hätten. Und nun waren sie fort.
Und während Frau Cimhuber so verzweifelt dasaß, kam ihr mit einem Male der Gedanke an ihren Sohn Edwin, und sie sah ihn als kleinen Jungen leibhaftig vor sich stehen. Er hatte ja nichts lieber, der kleine Edwin, als wenn sie ihm leise über den Kopf strich und ihn an sich zog und liebkoste. — Und nie, nie hätte sie es fertig gebracht, ihn zu fremden Leuten zu geben, denn die hätten ihn vielleicht nicht mit Liebe behandelt und wären schroff zu ihm gewesen.
Frau Cimhuber erschrak.
Und Hans und Suse? Die hatten ja auch eine Mutter daheim, die sie liebkoste, und einen Vater, der gut zu ihnen war.
Ein Vorfall von letzter Woche kam ihr in den Sinn und brannte ihr auf dem Gewissen.
Sie sah wieder, wie ihr das Garnknäuel auf den Boden fiel und Suse wie der Blitz hinterherfuhr, es aufhob und ihr zurückgab. Und als sie genickt und freundlich gesagt hatte: Ich danke dir, liebes Kind, da hatte das kleine Mädchen sie so strahlend und froh angesehen, als sei ihr die größte Freude widerfahren.
Die Pfarrfrau schlug beide Hände vor das Gesicht.
„Mein Gott, wenn sie doch nur wieder hier wären,“ entrang es sich ihrer Brust. Wie wollte sie freundlich zu ihnen sein. Wie wollte sie sie mit Liebe behandeln. Vielleicht kamen sie aber nicht wieder? — Vielleicht war ihnen unterwegs etwas geschehen. Und der Herr Doktor und die Frau Doktor, die ihr die Kinder anvertraut hatten in dem Glauben, daß sie in sicherer Hut seien, was würden die sagen, wenn die beiden zu Schaden kämen?
Die Hände der Pfarrfrau sanken in den Schoß und falteten sich, und ihr Antlitz trug einen Ausdruck, als spräche sie ein Gebet.