Aber es bedurfte gar nicht ihres Zuredens, um Frau Cimhuber umzustimmen. Sie dachte ja selbst schon ganz anders über die Kinder als früher.

„Was müssen die beiden durchgemacht haben,“ sagte sie einmal über das andere, „was müssen sie durchgemacht haben!“

Und als Fräulein Hirt sich schließlich empfahl, weil es Zeit für sie war, nach Hause zu gehen, da suchte Frau Cimhuber die Geschwister gleich wieder auf und sagte ihnen, sie sollten zu Hause bleiben und sich ausruhen und nicht zur Schule gehen.

Aber Hans spürte trotzdem den Wunsch, es zu tun. Er trank schnell noch einmal eine Tasse Kaffee und lief davon. — Der gefährliche Gang in das Zimmer des Direktors hatte plötzlich nichts Schreckliches mehr für ihn. — Lieber zehn Gänge in das Zimmer des Direktors, als noch eine solch fürchterliche Flucht mit Suse, wollte es ihm scheinen. In den Gefahren des Morgens hatte sich sein Mut gestählt und gefestigt. Er fühlte, er würde nun ohne Zittern an der Seite des Naturgeschichtslehrers in das Zimmer des Direktors treten, und wenn er gefragt würde, mit klarer, heller Stimme antworten: „Ich habe die Papierkugel nicht geworfen, Herr Direktor.“ Und man würde ihm glauben.

Aber zu dem schweren Gang kam es gar nicht; denn als Hans vor Beginn des Unterrichts sich noch schnell an seinen Platz drückte, rief ihm Peter zu: „Du, Hans, ich hab’ gestern gesehen, daß Kurt die Kugel geworfen hat, nicht du. Ich hab’ ihm meine Meinung gesagt. Er wird’s sagen, sonst treten wir aus dem Fußballklub aus und fordern unser Geld zurück.“

Und die andern riefen zustimmend: „Ja.“ —

So war Hans gerettet. Und er schämte sich nicht wenig, als er inne wurde, wie schnell eine Sache, von der er so viel Aufhebens gemacht hatte, aus der Welt geschafft worden war.

Suse aber blieb daheim und saß lange Zeit neben Frau Cimhuber auf dem Sofa und hatte ihren Kopf an die Schulter ihrer Pflegemutter gelehnt und hörte, wie diese freundlich sagte: „Willst du denn nicht mehr bei uns bleiben, liebe Suse, gefällt es dir wirklich nicht bei uns? Glaub’ nicht, daß ich dich nicht lieb habe. Ich muß nur immer an meinen Sohn in Afrika denken. Der ist krank, und ich bin in großer Sorge um ihn.“

Und die Pfarrfrau fuhr fort, von ihrem Sohn Edwin zu reden, besonders von seiner Kindheit, und betonte immer wieder, was für ein liebes, gutes Kind er gewesen sei, und wie er ihr stets nur Freude gemacht habe.

„Der wäre nicht fortgelaufen von fremden Leuten, wie wir!“ sagte Suse leise und schuldbewußt.