Ihre Pflegemutter schwieg.
Und während es so still in der Stube wurde, wanderten Susens Blicke scheu nach dem Negergotte hin, der mit seinem schiefgezogenen Munde aussah, als wollte er durch eine Zahnlücke zischen: Nichtsnutze! Nichtsnutze! Schon wieder mal was angestellt? Mein Kopf! Mein Kopf! O mein armer Kopf!
„Er guckt!“ flüsterte Suse.
Da nickte die Pfarrfrau, stand langsam auf, ging auf den Götzen zu und trug ihn unter viel Beschwerden in ihren Kleiderschrank, damit er dort hinter düsteren Gewändern einsam sitze.
Und dann nahm sie wieder neben Suse Platz.
Und Suse kam sich mit einem Male geborgen vor, wie bei ihren Eltern daheim.
Sie war ja nicht mehr auf dem Bahnhof, wo alle Menschen sie so streng, so feindlich ansahen. — Sie saß hier neben Frau Cimhuber und konnte sich fest an sie schmiegen.
Gegen zehn Uhr erschien auch Ursel und war endlich einmal wieder von ihren Wolltüchern befreit; denn sie hatte sich ihren kranken Zahn ziehen lassen und sah milde und freundlich drein. Und als sie sich auf dem Küchenstuhl niedergelassen hatte, begann sie zu erzählen: Bei ihrer Abfahrt heute morgen vom Bahnhof habe sie plötzlich entdeckt, daß sie verkehrt gefahren wäre, und eine gräßliche, eine fürchterliche Wut habe sie gepackt. — Ihr Zorn sei aber noch zehnmal größer geworden, als sie auf der nächsten Station entdeckt habe, daß sie noch zwei Stunden warten müsse, bis sie wieder heimfahren könne. Da sei sie davongerannt wie von Sinnen in die Stadt hinein, zum ersten, besten Zahnarzt, vier Treppen hinauf, und habe sich ihren Zahn ziehen lassen. Und jetzt sei ihr so wohl, so wohl, wie in ihrem ganzen Leben noch nicht.
Dann wandte sie sich an Suse und verlangte von ihr zu wissen, was sich eigentlich mit Hans und ihr zugetragen habe. Zitternd begann das kleine Mädchen seine Beichte. Aber sie war noch ganz im Anfang damit, da unterbrach Ursel sie schon: „Hör’ auf, ich will nichts mehr hören. — Wer ist an allem schuld, Frau Cimhuber, wer? — dieser Nichtsnutz, dieser Tunichtgut, dieser Theobald! — Wissen Sie noch, Frau Pfarrer, wie er unserem Spitzchen einmal auf den Schwanz getreten hat? Da haben Sie ihm eine Ohrfeige gegeben. So war’s recht. Das tat ihm gut. — Schade, daß er so eine nicht jeden Tag bekommt. Das hab’ ich damals gleich gesagt.“