Suse verstand in Kürze alles und betrachtete mit dankbarem Blick bald die junge Lehrerin, bald strahlend ihr Heft, bald Frau Cimhuber.

Und am Abend da sagte sie zu ihrem Bruder: „Du, Hans, das hätte ich doch nicht geglaubt, daß Frau Cimhuber einmal so gut gegen uns wäre!“ „Ich auch nicht,“ entgegnete der Bruder.

Einige Tage später erhielten die Geschwister Nachricht von ihren Eltern, denn Frau Cimhuber hatte diese von allem unterrichtet, was sich zugetragen hatte. Die Worte von Vater und Mutter gingen den Kindern sehr zu Herzen.

„Mein lieber Hans,“ schrieb der Doktor unter anderm an seinen Sohn, „ich hätte nicht gedacht, daß Du Dein Versprechen so bald brechen und davonrennen würdest wie ein Soldat, der seine Flinte ins Korn wirft. — Das war kein schöner Streich von Euch. Was soll aus Euch werden, wenn Ihr nicht beizeiten lernt, die Zähne zusammenzubeißen und auszuhalten auch dann, wenn es Euch nicht gefällt! Und wann wirst Du, lieber Hans, endlich anfangen, Deinen Willen durchzusetzen und nicht immer Susens dummen Einfällen folgen...“

Dem Knaben stieg das Blut ins Gesicht, und er schlich beschämt zur Tür hinaus. — Wie jämmerlich stand er nun in den Augen der Eltern da!

Suse las derweil den Brief ihrer Mutter mit großer Andacht.

„Ich brauche Dir nicht zu sagen, liebe Suse,“ schrieb die Doktorsfrau, „daß Dein Vater und ich tief betrübt waren, als wir von Eurer Flucht hörten. Wir hätten nie gedacht, daß Ihr so etwas fertig brächtet. — Du schreibst, Du möchtest gern in einem großen Hause wohnen, wo es einen Garten gibt, und Blumen und Kinder. Wie gern, wie gern schickten wir Euch dorthin, mein liebes Kind! Aber wir können es nicht. Wir sind viel zu arm dazu. Glaube mir, wir haben uns wohl den Kopf zerbrochen, wie es möglich zu machen wäre. Aber unsere Mittel reichen nicht dazu. Ich wollte Dir dies eigentlich nicht sagen, um Dich nicht traurig zu machen, aber nun tu’ ich es doch, damit Du siehst, weshalb Ihr bei Frau Cimhuber bleiben müßt. — Du bist ja auch schon ein großes Mädchen und mußt vernünftig darüber denken. — Und dann grüble auch nicht immer darüber nach, ob Frau Cimhuber und Ursel und die Kinder in der Schule Dich gern haben. Sie kennen Dich ja noch kaum. Du wirst schon sehen, wenn sie Dich erst einmal kennen und sehen, daß Du immer freundlich und höflich zu ihnen bist, werden sie Dich schon lieb gewinnen. Und nun denkt an das Pfingstfest, das bald kommt. Dann dürft Ihr nach Hause fahren.“

„Der Vater und die Mutter sind sehr, sehr traurig,“ sagte Suse seufzend, als sie mit Lesen fertig war. „Wir müssen ihnen gleich schreiben, Hans, daß nun alles gut ist und daß Frau Cimhuber jetzt sehr lieb zu uns ist, und daß wir sogar schon vorwärtskommen in der Schule. — Und weißt du, Hans, jetzt schreiben wir noch, wir wollen auch Pfingsten nicht nach Haus, dann sparen sie das Geld für die Reise, und damit machen wir ihnen eine große Freude.“

Hans war Feuer und Flamme für diesen schönen Plan. Aber die Geschwister hatten die Rechnung ohne den Wirt gemacht. — Kaum hatte Ursel davon vernommen, so rief sie laut: „Was? jetzt war ich g’rad froh, daß es mal Luft gibt, und jetzt wollt ihr hier bleiben. Nein, nein, das gibt’s nicht. Ich will doch auch mal aufatmen.“