Und der Doktorskinder Herz begann gar freudig zu klopfen, als ihr heldenhafter Entschluß so schnell vereitelt wurde.
Drittes Kapitel.
Das Kamel
Hans und Suse fühlten sich nun ganz wohl bei Frau Cimhuber und lebten sich allmählich in der Stadt ein.
Suse hatte sogar schon eine Freundin, die blonde Gretel, die in der Schule neben ihr saß. — Auf eine merkwürdige Weise hatte sie mit diesem kleinen Mädchen Freundschaft geschlossen. — Eines Morgens, da hatte sie auf dem Platz neben ihr zwei Puppenbeine hervorschauen sehen, und während sie sich über diese schnurrigen Gegenstände noch gewundert hatte, da war neben ihr Gretel aufgerufen worden, um eine Frage der Lehrerin zu beantworten.
In demselben Augenblick hatten sich unter der Bank die Puppenbeine geregt und wie der Blitz war eine blonde leibhaftige Puppe hervorgeschossen, auf Suse zu. Mit beiden Händen hatte sie zugegriffen und die Abstürzende tief aufatmend auf ihren Schoß gesetzt.
Gretel aber, der vor Schreck fast das Wort im Munde stecken geblieben war, hatte sich hernach herzlich bei dem Doktorskind für die Rettung ihres Lieblings bedankt.
Schon am folgenden Sonntag wurde Suse bei ihrer neuen Freundin eingeladen, und Gastgeberin und Gast waren so miteinander zufrieden, daß Suse von nun an recht oft wiederkam, häufig sogar in Begleitung ihrer eigenen Puppe, der Genoveva. Neben den prächtigen, feinen Stadtpuppen nahm sich Genoveva, das blöde, ungelenke Landkind, allerdings sehr einfach und bescheiden aus. Dafür hatte sie aber den Vorzug, ein ereignisvolles Leben hinter sich zu haben. Stundenlang konnte Suse davon erzählen. So war dies Puppenkind einmal von dem Vetter Theobald an einem Bein an der Wäscheleine aufgehängt worden und hatte seit jenem Tag einen Anflug von der Glotzkrankheit behalten, wie man an ihren hervorquellenden Augen bemerken konnte. — Ein andermal hatte Suse selbst ihre Tochter eine lange, schreckliche Nacht hindurch am Fuchskopf in den Bergen vergessen, und als sie am andern Morgen in Schrecken und Angst zu ihr geeilt war, hatte sie das arme Kind mit einer lebendigen Eidechse im Schoß vorgefunden, vor Entsetzen halb tot, wie die dicken, über ihre Wangen rinnenden Schweißtropfen verrieten. — Ja, ja, man hatte seine Not mit Genoveva gehabt!
Gretel war Feuer und Flamme für diese Geschichten und für die Erzählerin nicht minder. Und so kam es, daß sich in Suse schon wieder die Eingebildetheit regte und sie anfing, wieder übermütig zu werden wie daheim eigentlich immer.
Mit Theobald, ihrem erfahrenen Lehrmeister in aller Stadtweisheit, hatte sie sogar schon einen Streit gehabt, weil sie ihn fürwitzig und mit erhabener Miene über wichtige Gebäude seiner Vaterstadt belehrte, über die er ganz verkehrte Begriffe hatte, während Suse, dank einer Unterhaltung mit Frau Cimhuber, großartig Bescheid wußte. Ärgerlich hatte der Vetter hierauf sein Wohlwollen Hans zugewandt, der weniger eingebildet als Suse war, sich aber reichlich so gut in der Stadt zurecht fand wie sie. Theobald hatte ihm deshalb vor einigen Tagen in seiner schnurrigen Manier beide Hände auf das Haupt gelegt und gesagt: „Fahre nur so fort, teurer Freund, und du wirst uns noch alle überstrahlen, indem daß du gar nicht so dumm bist, wie du aussiehst. Du schickst dich sogar besser als Suse, obwohl die wunder wie gescheit tut und nicht einmal weiß, wie man von der Elektrischen abspringt und immer die verkehrte Hand am verkehrten Griff hat und aus lauter falscher Sachkenntnis nächstens mitten auf der Straße sitzt.“
Natürlich waren diese Reibereien harmloser Natur und jedermann, vor allem Frau Cimhuber und Ursel, glaubten, daß nun die Stürme vorüber seien und daß sich Friede und Ruhe auf alle senken werde. Wie oft pflegte nicht die Pfarrfrau in diesen Tagen zu ihrer alten Magd zu sagen: „Sehen Sie, sehen Sie, es ist alles gut geworden, man darf nur niemals verzagen!“