„Guten Tag,“ sagte er, vor ihr stehen bleibend. „Gelt, du bist doch Doktors Suse? Ich hab’ mir doch gleich gedacht, das ist Doktors Suse.“

Das kleine Mädchen sah den fremden Mann groß an und wußte einige Augenblicke lang nicht, wen sie vor sich hatte.

Aber mit einemmal ging es wie ein Erwachen über ihre Züge; ihre Augen strahlten, und sie rief glückselig: „Ach, das ist ja Philipp. Wo kommst du her, Philipp? Ach, wie freu’ ich mich! — Das ist Martins Bruder,“ sagte sie zu den andern, „sein ältester Bruder Philipp, der ihm die schönen Geschenke macht. — Weißt du, Theobald? du kennst Martin ja auch. — Wie schön, daß du da bist, Philipp,“ rief sie jetzt dem Freund aus der Heimat zu.

Der junge Mann hielt etwas verlegen des kleinen Mädchens Hand noch immer in der seinen, wußte nicht recht, was damit anfangen und sagte in einem fort: „Wie geht’s denn, Suse, geht’s gut? Geht’s gut?“

Das kleine Mädchen antwortete nicht. Sie sah mit immer leuchtenderen Augen in sein Gesicht. — Er war ja von daheim, von zu Hause, wo er alles kannte, die Eltern und Michel und Rosel und Christine und den Wald und die Berge und das Doktorshaus und den Garten, alles, alles. Sie meinte im Augenblick, er sei ihr Bruder. — Sie wollte ihn nicht mehr los lassen.

„Wie geht’s dir denn, Philipp?“ fragte sie schließlich, als sie sich wieder gefaßt hatte. „Und wie geht’s deiner Mutter? und was macht Martin? hat er uns nicht grüßen lassen?“

Verwundert sah der junge Mann sie an und fragte dann: „Ei, hör’ mal, Suse, weißt du denn nicht, daß ich schon viel länger von zu Hause fort bin, als ihr zwei? Bald zwei Jahre?“

— „Ach ja, ach ja!“

Suse hatte es in ihrer Aufregung nur ganz vergessen. Jetzt fiel ihr wieder ein, daß Philipp als Holzflößer hinunter in das Tal gezogen war und auf einem Lastkahn auf dem Kanal Beschäftigung gefunden haben sollte, wie Martin ihr und Hans erzählt hatte. — Wie hatte sie nur so dumm sein können, es zu vergessen! Hans pflegte ja stets mit Martin die Wochen und Monate auf dem Kalender anzustreichen, die der Bruder des armen Krüppels noch in der Fremde zu verbringen hatte.

„Schon zwei Jahre bist du fort von daheim?“ fragte Suse nun mit Bedauern in der Stimme. — „Oh, wie lang! Konntest du es so lange aushalten, Philipp? Das könnte ich nicht aushalten. Hast du denn kein Heimweh gehabt?“