So bleibt mir nur der Tod.“
Und mit einer Stimme, die vor Sehnen vergeht, wiederholt sie:
„Verweigerst du, die meine Seele liebt,
So bleibt mir nur der Tod.“
In Awremels Köpfchen geht alles drunter und drüber. Er ist wie trunken von dem Liede, er will etwas tun, um Adel in Erstaunen zu setzen. Er fühlt: er ist leicht wie ein Adler, schnell wie ein Hirsch, stark wie ein Löwe. Aber er kann doch nicht auf das Dach steigen und hinunterspringen —! So klettert er schleunigst die Leiter hinab, springt über den Zaun und in Adels Hof und nähert sich ihr, eben als sie den Pinsel wieder in den Kalkeimer taucht. Er faßt sie an der Hand und sagt: „Ich — ich — will dir den Pinsel eintauchen!“
Sie steht auf dem Schemel und tüncht die Wand mit dem Pinsel, den er eingetaucht hat. Ihr Kopf legt sich in den Nacken zurück, ihr leuchtendes Gesicht ist erhoben und ihre schwarzen Augen ruhen verborgen in dem Schatten ihrer langen Wimpern. Sie glänzen wie Punkte lauteren Goldes. Awremel sieht zu ihr auf und sein Herz ist voll Wonne; ohne es zu wissen, genießt er das Glück einer Blume, die in Tau und Licht badet.
Plötzlich stößt „seine“ Adel einen kleinen Schrei aus, preßt die Lippen aufeinander und zieht ihr Näschen vor Schmerz in Falten. Sie beugt sich zu ihm und zeigt ihm ihren Finger, in den der Kalk eine kleine Wunde gebrannt hat; dann reicht sie ihm einen Leinenstreifen, er solle ihr damit den Finger verbinden. Awremel ist eifrig und voller Freude, daß er Adel gehorchen und ihr helfen, daß er den Schmerz seiner „Schwester Braut“ stillen darf. Er wickelt den Streifen fest um ihren Finger. Doch hat er keinen Faden, den Verband festzubinden; und ohne nachzudenken, nimmt er mit freudiger Bewegung seinen Silberring und streift ihr ihn über den gestreckten Finger. Er steckt ihr den Ring fest an und sein Herz schlägt ihm laut bis in den Hals hinauf. Und er lächelt und spricht die Trauungsformel: „Du bist mir verlobt durch diesen Ring nach dem Gesetze Moses und Israels.“ Aber sogleich erschrickt er über das, was er getan hat...
„Wir wollen uns immer lieb haben, Awremel,“ spricht sie zu ihm: ein Scherz, der Wahrheit enthält.
„Gewiß, gewiß,“ versichert Awremel; dabei schämt er sich und zittert und erwägt, ob er jetzt nicht verpflichtet ist, ihr einen Scheidebrief zu schreiben?
Plötzlich wendet er sich von Adel ab und läuft schleunigst davon, vor dem Mädchen und vor dem Ring an ihrem Finger, klettert über den Zaun und auf die Leiter und verbirgt sich in der Dachkammer. Dort preßt er das Gesicht in die Hände; Tränen würgen ihn; hier will er vor Schande sterben an „seines Herzens Höllenbrand“, hier in dieser Bodenkammer „bleibt ihm nur der Tod.“