Ich beschloß also, schleunigst abzureisen, um noch zu Purim nach Glupsk zu kommen und die berühmten Glupsker Purimspieler zu sehen. Alle Tage des ganzen Jahres sind sie arme einfältige Gesellen, zu Purim aber sie sind klug und geistreich, und Wortspiele fallen da wie die Tropfen wenn es regnet. Es war mir aber nicht beschieden, da ich noch einige Zeit daheim verweilen mußte. Als ich dann so weit war, gedachte ich zu Peßach wieder daheim einzutreffen. So sorgte ich noch vor der Abfahrt dafür, mein Haus mit all den guten Dingen zu versehen, die man zu diesem Feste braucht. Ich empfahl meiner Frau, um Gottes willen an nichts zu sparen, nicht an Rosinen und nicht an Wasser, und einen Rosinenwein zu bereiten, den ein König nicht verschmähen müßte. „Und kaufe auch einen Sack Kartoffeln und Gänseschmalz und einen recht wohlgenährten Truthahn. — Wie? Das Geld wird nicht reichen? Darum mache dir nur ja keine Sorgen. Versetze deinen Schmuck, das oder jenes Einrichtungsstück; Gott wird hoffentlich mit mir sein, und wir werden, wenn ich in Frieden heimkehre, ein fröhliches Peßachfest feiern, Rosinenwein mit Lakritzen trinken und lustig sein.“

So wurde alles besorgt. Allein Gott sandte Regen und Schnee über die Welt, ein Gemisch von Wasser und nassen Eiskörnern, und der Weg wurde unwegsam für Wagen und Schlitten, zu Pferd wie zu Fuß. Ich schleppte mich mit Mühe und Not eine Viertelmeile täglich vorwärts. Jeder Schritt kostete mein armes Pferdchen blutigen Schweiß. Es schleppte sich ein paar Schritte, fiel, stand auf, ging wieder ein paar Schritte und fiel abermals. Und ich Unseliger stapfe nebenher durch den Morast, beschmutzt vom Kopf bis zum Fuß wie ein Teufel, gleite aus und falle, falle und ächze.

Ich ächzte nicht nur für mich, sondern auch für mein Pferd. Wie kam mein armes Pferdchen dazu, sich so quälen zu müssen? Und wem zuliebe mußte es sich quälen? Mir zuliebe, der ich mit einem Schlage alle alten Ladenhüter los werden wollte. Einen ganzen Wagen hatte ich damit angestopft, mehr als das arme Tier erzog, ohne Mitleid, ohne einen Gedanken an seine Qual.

Solange es seine Leiden noch ertrug, ging und fiel, fiel und aufstand, sich fast aus seiner eigenen Haut zog und doch ging, stellte ich mich gefühllos, zeigte ihm die Peitsche, rief und schalt. Als aber das Pferdchen endlich ganz und gar in einen Sumpf geriet, irgendwo unter einem Berge, sich im Schmutz ausstreckte, so lang es war, die Füße von sich spreizte und liegen blieb, ohne auch nur ein Glied noch zu rühren, da meldete sich mein jüdisches Herz mit einer Moralpredigt: Du törichter, dummer Kerl, du nimmst eine ehrliche Kreatur und verkümmerst ihr das Leben mit schwerer Arbeit, mit unendlichen vielen schweren Bündeln von Büchern, von Makulatur! Alles hat doch Maß und Ziel! Ziegel und Steine kann man nur bis zu einem bestimmten Maße einem Pferd aufladen, sonst erträgt es sie nicht; und du hast deinem Pferdchen, einem elenden Geschöpfe, die ganze Masse der Jüdischkeit, das ganze Joch aller jüdischen Bündel aufgelegt! Was ist das Ende? Das gute Wesen plagt sich, keucht, reibt sich auf, kann sich nicht mehr vom Fleck rühren und ringt mit seiner Seele. Schau es an, wie es daliegt, ohne ein Lebenszeichen zu geben. Wie ein toter Körper!

Doch was hilft das alles, was nützt Leid und Reue? War es zuerst wie ein toter Körper, so war es nachher wirklich und wahrhaftig einer. Mein Pferdchen war verendet!

Dort und damals war ich wie ein Kapitän, dem sein Schiff mitten im Meer untergeht. Allein und verlassen stand ich mitten auf der Straße und ein Meer von Schmutz dehnte sich um mich herum. Das Pferdchen lag tot im Sumpf, der Wagen steckte bis über die Achsen im Morast; und morgen ist Erew Peßach, und in meiner Seele ist’s bitter und trüb. Was sollte ich tun? Aber ein Jude hat doch einen Gott; wenn es schon ganz schlimm wird, erinnert man sich seines lieben Namens. So tat auch ich. Es war die Zeit des Minchah-Gebetes. So wandte ich denn mein Angesicht gen Osten, sagte „Pithum Haktoreth“ und betete langsam und mit Inbrunst, so lange, bis die ersten Sterne aufschimmerten. Der Heilige, gepriesen sei er, hörte mein Gebet, zeigte mir etwas wie ein fernes Feuer und gab mir den Gedanken ein, dorthin zu gehen, wo es leuchtete. So kroch ich auf Händen und Füßen lange zwei Stunden, bis ich auf eine Hütte stieß, wo einer am Waldesrand wohnte. Der Mann blickte mich zuerst wild an, als er aber sah, daß ich in Furcht und Zagen vor ihm stand und den Kopf hängen ließ, wurde er weicher und gewährte mir Gastfreundschaft. Er bewirtete mich mit gebratenen Kartoffeln und einem Glas Tee und wies mir zur Nacht einen Platz im Schuppen an. Am andern Morgen bat ich ihn dringend, ein Paar Ochsen an meinen Wagen zu spannen und mich nach Bojberik zu fahren, was die nächste Stadt war. Dafür erlaubte ich ihm, außer seinem Lohn, das Fell meines toten Pferdchens abzuziehen und noch als Andenken die Hufeisen zu behalten. Ich tat das des Friedens wegen. Er sollte nicht sagen, daß man einem Juden nichts Gutes erweisen dürfe, weil er nicht zu danken verstehe.

So kam ich in der Abenddämmerung nach Bojberik, als keine lebende Seele mehr auf der Straße war; groß und klein war bereits in den Bethäusern versammelt. Aufrichtig gesagt, war mir das sehr angenehm; ein Jude steckt doch gern in alles seine Nase, will alles mit der Hand anfühlen, ein Jude will doch alles wissen. Und nun kam ich, ein bekannter Jude, Mendel der Buchhändler, mit einem Paar Ochsen dahergefahren! Natürlich würde man mit Kind und Kegel zusammengelaufen sein und mir einen festlichen Empfang mit Hoch und Hurra gemacht haben. Ich bin aber doch ein einfacher Jude, ein gewöhnlicher Mensch, und scheue soviel Ehre.

Ich habe in Bojberik einen Bekannten und guten Freund aus alten Tagen her; er ist Buchhändler wie ich und in allen Orten, wo Juden wohnen, wohlbekannt unter dem Namen Hendel Bojberiker aus Bojberik. Vor Hendels Haus ließ ich mich führen. Während des Fahrens hatte ich Zeit, mich in Gedanken zu versenken. Ochsen sind bekanntlich keine Schnelläufer, sie gehen Schritt vor Schritt, bedächtig, langsam, ohne Eile, wiederkäuend. Ich saß im Wagen und kaute auch nochmals alle die Begebenheiten durch, die mich unterwegs getroffen hatten. Ich sinnierte und sehnte mich nach meinem Haus, nach Weib und Kindern. Das Herz tat mir weh, da mir das Fest zerstört war, da ich nicht wie ein König neben meiner Königin obenan sitzen würde. Ich gedachte auch des Truthahns: wahrscheinlich war es ein fetter, feiner Truthahn, ein wahres Labsal! Und ich sehnte mich inniglich... Die Ochsen tappten, krochen durch Gassen und Gäßchen, bis sie endlich vor Hendels Haus stehen blieben.

Eine Weile stand ich mit beklommenem Herzen vor der Tür. Ich stand wie ein Armer an der Tür des Reichen: „Werde ich ihn nicht bei schlechter Laune antreffen? Wird er mich nicht scheel ansehen?“ Aber was tut nicht ein Jude vor Not? Vor Not bemüht er sich um fremde Menschen, vor Not wird er ein Gast. Ich fasse mir Mut, strecke die Hand aus und öffne die Tür, öffne sie leise und langsam, und sie knarrt. Ich drücke leise und sie knarrt, als ob sie etwas zu fordern hätte. So kam ich in den finstern Hausflur; und alsbald regten sich die Leute und machten mir einen Empfang: sie empfingen mich mit lautem Freudengeschrei und wie berauscht vor Wonne. Ich konnte gar nicht verstehen, was mit ihnen los war. Eins läuft in die Stube hinein und ruft: „Gekommen!... Er ist da, er ist da!“ Ein zweites schreit ganz außer Atem: „Ein Licht, ein Licht, steckt ein Licht an!“ Ich höre eine Frauenstimme, zuckersüß, voll Anmut und Liebenswürdigkeit, und eine Frau kommt herausgeeilt, umarmt, küßt und halst mich — beinahe. Sie schwatzt, spricht liebe- und vorwurfsvolle Worte durcheinander, freut und erbost sich zugleich:

„Welcher Gast, welch seltener Gast!... Weshalb kommst du so spät? Bin ich nicht auch so gut wie andere Leute?“