Ich stand verdonnert da, wie ein Nachtwandler, aber als ich endlich den Mund auftat und antworten und erzählen wollte, was mir passiert war, entzündete man eine Kerze — und wir standen alle erstarrt und mit offenem Munde da wie Golems. Wahrhaftig, eine schöne Szene!

Die Sache verhielt sich so: Hendel war auf Geschäftsreisen gegangen. Er sollte zu Sabbath Hagadol, dem Sabbath vor Peßach, heimkommen und war nicht eingetroffen. Da war seine Familie sehr traurig gewesen. Als ich nun in der Dunkelheit eintrat, dachten die Kinder, es sei der Vater, und die Frau glaubte, ihr Mann sei zu Peßach gekommen; da gab es Freude und Aufruhr, als sie aber den Irrtum merkten, blieben sie mit aufgerissenen Augen und Mündern stehen.

Auch der Frau Hendels war das Fest zerstört, da ihr Mann zu Peßach nicht da war und sie keinen König hatte. Andererseits aber dankte sie Gott und pries seinen Namen, daß er ihr doch einen bekannten Menschen beschert hatte, den Seder zu halten. Sie geleitete mich zu dem Hessebett und „machte mich zum Könige an Hendels Statt“.

Auch ich dankte dem Höchsten und lobte ihn, der an mir Wunder getan hatte. Er hatte mich aus der ruhelosen Verbannung nach Bojberik gebracht, daß ich wie ein König dasaß, Bitterkraut und Eier und Fisch und Knödel aß und für Hendel und Hendels Weib die Hagadah las, mit lautem Preis und Lobgesang: Hallelujah!

Jedoch nicht an mir allein geschah solch ein Wunder, daß ich, ungeahnt, wie ein König dasaß. Wie ich einige Tage später erfuhr, war auch Hendel dasselbe Wunder, derselbe Peßach zuteil geworden.

Hendel Bojberiker hatte seinen Wagen mit Büchern vollgepackt und war von Bojberik abgefahren, wie er alljährlich vor Peßach zu tun pflegt. Und so geschah Hendel dasselbe, was Mendel geschah: Schnee und Regen, Sumpf und Morast, Pfützen und Gräben, Kummer und Leiden den ganzen Weg entlang. Auch sein Pferd ging und fiel, stürzte und wälzte sich im Schlamm. Und wenn es mit dem Leben davonkam und nicht umkam, so verdankte es das wahrhaftig nicht seiner Heldenkraft, denn es war dürr und ausgemergelt, hinkte und hatte eine Beule auf dem Auge — mein Pferdchen war nach aller Meinung im Vergleich zu jenem gesund und schön. Nur ist der Morast in den Gegenden, durch die Hendel kam, dünner und verursacht nicht so unglückliche Folgen wie der dichte Sumpf um Bojberik und Glupsk. So zog Hendel langsam mit seinem Pferdchen dahin, kroch mit Mühe und Not vorwärts und gelangte genau am Erew Peßach nach Kabzainsk. So fuhr er noch am Abend vor mein Haus, hielt ganz fein bei meiner Frau den Seder, saß auf meinem Hessebett und war König an meiner Statt, glücklich und zufrieden, daß Gott ihm einen Ruheort gegönnt hatte.

Das erzählte mir Hendel selbst, als wir einander nach dem Feste in der Hälfte des Wegs begegneten; und wir krümmten uns vor Lachen, als wir von dem Tausch erfuhren. Aber als ich begann, ihm von meiner Reise nach Glupsk zu erzählen, um dort alte Bücher für neue zu tauschen, zog er ein saures Gesicht, schüttelte bedenklich den Kopf und sagte dann: „Du magst Gott danken, daß du mit dem Pferdchen davongekommen bist. Ein ganz schöner Sündenbock!“

Ich sah ihn groß an. „Was siehst du mich an, Mendel?“ rief er. „Ich sage dir: wohl dir, daß dein Pferdchen umgekommen ist! Denn so bist du vor der Reise nach Glupsk und vor einem übeln Geschäft behütet worden. Du kannst zufrieden sein, daß es dir nicht gelungen ist, jene Ware zu kaufen. Ich beneide dich: du darfst jetzt hoffen, den Buchhandel ganz los zu werden. Zum Teufel mit den Scharteken, alten und neuen! Wie gut wäre es, hätte auch mein Pferdchen ein böses Ende genommen, ja, womöglich schon vor einem Jahre! So hätte ich von der neuen Ware nichts gewußt und hätte mein Geld nicht verloren. Nein, Mendel, ich wiederhole dir: es ist ein Glück für dich, daß dein Pferdchen verreckt ist.“