Wie König Etzel um Kriemhilden sandte.

Das war in jenen Zeiten, als Frau Helke starb 1188
Und der König Etzel um andre Frauen warb,
Da riethen seine Freunde in Burgundenland
Zu einer stolzen Witwe, die war Frau Kriemhild genannt.

Seit ihm die schöne Helke erstarb, die Königin, 1189
Sie sprachen: "Sinnt ihr wieder auf edler Frau Gewinn,
Der höchsten und der besten, die je ein Fürst gewann,
So nehmet Kriemhilden; der starke Siegfried war ihr Mann."

Da sprach der reiche König: "Wie gienge das wohl an? 1190
Ich bin ein Heide, ein ungetaufter Mann,
Sie jedoch ist Christin sie thut es nimmermehr.
Ein Wunder müst es heißen, käm sie jemals hieher."

Die Schnellen sprachen wieder: "Vielleicht, daß sie es thut 1191
Um euern hohen Namen und euer großes Gut.
Man soll es doch versuchen bei dem edeln Weib:
Euch ziemte wohl zu minnen ihren wonniglichen Leib."

Da sprach der edle König: "Wem ist nun bekannt 1192
Unter euch am Rheine das Volk und auch das Land?"
Da sprach von Bechlaren der gute Rüdiger:
"Kund von Kindesbeinen sind mir die edeln Könige hehr,

"Gunther und Gernot, die edeln Ritter gut; 1193
Der dritte heißt Geiselher: ein Jeglicher thut,
Was er nach Zucht und Ehren am besten mag begehn:
Auch ist von ihren Ahnen noch stäts dasselbe geschehn."

Da sprach wieder Etzel: "Freund, nun sage mir, 1194
Ob ihr wohl die Krone ziemt zu tragen hier;
Und hat sie solche Schöne, wie man sie zeiht,
Meinen besten Freunden sollt es nimmer werden leid."

"Sie vergleicht sich an Schöne wohl der Frauen mein, 1195
Helke der reichen: nicht schöner könnte sein
Auf der weiten Erde eine Königin:
Wen sie erwählt zum Freunde, der mag wohl trösten den Sinn."

Er sprach: "So wirb sie, Rüdiger, so lieb als ich dir sei. 1196
Und darf ich Kriemhilden jemals liegen bei,
Das will ich dir lohnen, so gut ich immer kann;
Auch hast du meinen Willen mit großer Treue gethan.