So verweilte Rüdiger bis an den dritten Tag. 1247
Der Fürst berief die Räthe, wie er weislich pflag,
Und fragte seine Freunde, ob sie es gut gethan
Däuchte, daß Kriemhild Herrn Etzeln nähme zum Mann.
Da riethen sie es alle; nur Hagen stands nicht an. 1248
Er sprach zu König Gunther, diesem kühnen Mann:
"Habt ihr kluge Sinne, so seid wohl auf der Hut,
Wenn sie auch folgen wollte, daß ihr doch nimmer es thut."
"Warum," sprach da Gunther, "ließ' ich es nicht ergehn? 1249
Was künftig noch der Königin Liebes mag geschehn,
Will ich ihr gerne gönnen: sie ist die Schwester mein.
Wir müsten selbst drum werben, sollt es ihr zur Ehre sein."
Da sprach aber Hagen: "Das sprecht ihr unbedacht. 1250
Wenn ihr Etzeln kenntet wie ich und seine Macht,
Und ließt ihr sie ihn minnen, wie ich euch höre sagen,
Das müstet ihr vor Allen mit großem Rechte beklagen."
"Warum?" sprach da Gunther, "leicht vermeid ich das, 1251
Ihm je so nah zu kommen, daß ich durch seinen Haß
Leid zu befahren hätte, würd er auch ihr Mann."
Da sprach wieder Hagen: "Mich dünkt es nimmer wohlgethan."
Da lud man Gernoten und Geiselhern heran, 1252
Ob die Herren beide däuchte wohlgethan,
Wenn Frau Kriemhild nähme den mächtgen König hehr.
Noch widerrieth es Hagen und auch anders Niemand mehr.
Da sprach von Burgunden Geiselher der Degen: 1253
"Nun mögt ihr, Freund Hagen, noch der Treue pflegen:
Entschädigt sie des Leides, das ihr ihr habt gethan.
Was ihr noch mag gelingen, das säht ihr billig neidlos an."
"Wohl habt ihr meiner Schwester gefügt so großes Leid," 1254
Sprach da wieder Geiselher, der Degen allbereit,
"Ihr hättets wohl verschuldet, wäre sie euch gram:
Noch Niemand einer Frauen so viel der Freuden benahm."
"Daß ich das wohl erkenne, das sei euch frei bekannt. 1255
Und soll sie Etzeln nehmen und kommt sie in sein Land,
Wie sie es fügen möge, viel Leid thut sie uns an.
Wohl kommt in ihre Dienste da mancher waidliche Mann."
Dawider sprach zu Hagen der kühne Gernot: 1256
"Es mag dabei verbleiben bis an Beider Tod,
Daß wir niemals kommen in König Etzels Land.
Laßt uns ihr Treue leisten: zu Ehren wird uns das gewandt."