»Das habe ich wohl überlegt,« sagte der Hodscha; »sonst gäbe auch niemand für dich ein Goldstück[99].«
DEr Hodscha sagte einmal zu seiner Frau: »Bereite eine hübsche Schüssel Joghurt, damit ich sie morgen Tamerlan bringe. Ich will sie aber schon zeitlich früh haben.«
Die Frau bereitete den Joghurt und der Hodscha ging mit der Schüssel, nachdem er sie in gestickte Handtücher gewickelt hatte, noch vor der Dämmerung weg; er kam bei Tamerlan an und überreichte ihm den also eingewickelten Joghurt. Timur fragte: »Was ist das?«
Der Hodscha antwortete: »Diesen frischen Joghurt bringe ich dir, damit du ihn essest, und diese Tücher, damit du dich nach der Waschung abtrocknest.«
Timur band die Tücher auf und nahm sie, nachdem er den Joghurt herausgetan hatte, in die Hand, um die Stickerei zu betrachten; diese fand er aber jämmerlich schlecht, und so sagte er: »Ich möchte mich lieber an der Hand abtrocknen, die diese Tücher gestickt hat.«
Aber der Hodscha antwortete: »Die Hand, die sie gestickt hat, ist weit; aber die Tücher sind da und just zu dem Zwecke, den du sagst.«
EInes Tages fand sich der Hodscha so von allem entblößt, daß ihm auch nicht ein Körnchen Weizen oder Gerste geblieben war. Da legte er seinem Esel einen großen Sack auf, hängte seinem Sohne eine Trommel um und ging von Tür zu Tür, um die Barmherzigkeit der Leute anzurufen. Kaum hatte er die Trommel geschlagen und sich in dieser Verfassung gezeigt, als ihm auch schon Männer und Frauen Gerste oder Korn brachten, der eine ein Nösel, der andere zwei; und der Hodscha schüttete alles in den Sack. Schließlich kam er zu einem großen Tor, dessen einer Flügel offen stand. Der Knabe schlug die Trommel, aber niemand trat heraus; er stieß den Esel in den Torweg, und da überzeugte er sich, daß auch innen völliges Schweigen herrschte. Nachdem sie den Esel im Stalle angebunden hatten, lehnten Vater und Sohn eine Leiter an das Haus und stiegen hinauf; sie kamen in einen Vorsaal und dann in ein Zimmer, ohne daß sie einen Laut gehört hätten.
Plötzlich traf ein Geräusch das Ohr des Hodschas; eine Frauenstimme sagte: »Jetzt wird der Effendi bald dasein.« Das wollte heißen, daß die Herrin des Hauses an diesem Tage mit dem Kadi der Stadt ein verliebtes Stelldichein hatte. In diesem Augenblicke war sie im Bade, und sie sagte zu ihren Sklavinnen, daß sie rasch heraussteigen müsse.